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Auf geht’s

Etappe 1: Bhulbhule – Jagat (1.300 m), 8 h

Für die ersten Wandertage haben wir uns viel vorgenommen. Über 20 km lang sollte die erste Etappe werden und das trotz Temperaturen um die 30°C und kürzer werdenden Tagen. Die Tage im November sind in Nepal so schon nicht lang, aber erschwerend dazu kommen ja noch die hohen Berge, hinter denen die Sonne noch viel schneller verschwindet als irgendwo sonst. Dadurch wurde es auf dem Circuit schon ab 16 Uhr schnell dunkel. Und dementsprechend war natürlich bei solch langen Etappen früh aufstehen angesagt – zumal man beim Trekking ja auch jeden Morgen sein ganzes Hab und Gut zusammenpacken muss. Außerdem sollte man auch immer bedenken, dass es in einer gut besuchten Unterkunft durchaus recht lange dauern kann, bis man sein Frühstück serviert bekommt. Immerhin wird in Nepal alles ganz frisch zubereitet. Es ist deswegen auch sehr verbreitet, dass man sein Frühstück einfach schon am Abend zuvor für eine bestimmte Uhrzeit vorbestellt. Die Nepalesen haben es zwar generell nicht so mit der deutschen Pünktlichkeit, aber dennoch klappt das mit dem Vorbestellen meistens erstaunlich gut.

Irgendwie denke ich gerne an den Moment zurück, als der Belgier in Bhulbhule am Abend beim Herren des Hauses Frühstück bestellen wollte und ihn fragte, ob es denn auch richtig zeitig ginge, weil die Jungs sehr früh loswandern wollten. Der Herr fragte dann, was denn „richtig zeitig“ heißen soll und der Belgier meinte „Na so gegen 6.30 Uhr“. Der Nepalese fing an zu lachen und sagte, wir könnten gerne auch schon um 4 Uhr frühstücken. Da war der Belgier völlig entsetzt und rief nur „Duuude, it’s our holidays!“.

Nachdem also am Morgen um 6 Uhr unser Wecker geklingelt hatte und die Schlafsäcke und sonstiger Kram wieder sicher im Rucksack verstaut waren, machten wir uns auf zum Frühstück. Dort trafen wir wieder die Jungs vom Abend, was natürlich dazu führte, dass wir uns verquatschten und dann viel zu spät aufbrachen. Und so ging es dann halt erst 8 Uhr los.

In Bhulbhule überquerten wir einen Fluss, der uns noch tagelang begleiten sollte. Die ursprüngliche Wanderstrecke befindet sich links vom Fluss und ist inzwischen eigentlich nur noch eine staubige Jeep-Piste. Wegen des Straßenbaus wurde nun aber rechts vom Fluss eine Alternativroute markiert, für die auch wir uns entschieden haben. Sie ist etwas länger und wohl auch anstrengender, aber dafür wunderschön. Schon kurz nach Bhulbhule konnten wir einen ersten Blick auf schneebedeckte Bergriesen in der Ferne werfen. Aber das sollte vorerst auch der letzte Blick darauf bleiben, denn die Berge verschwanden schnell wieder und waren dann erstmal nicht mehr zu sehen. Stattdessen wanderten wir durch saftig grüne Wiesen und Wälder, kleine Dörfer und Unmengen von Reisterrassen. Überall sah man Nepalesen auf Feldern arbeiten und Kinder auf den Straßen spielen. Immer wieder wurden wir mit einem freundlichen „Namaste“ begrüßt und mit neugierigen Blicken beobachtet. Aber leider kommt es in diesen abgeschiedenen, armen Dörfern auch immer wieder vor, dass man von Kindern belagert wird, die nach Geld oder Süßigkeiten betteln. So leid einem die Kleinen aber manchmal tun, man sollte ihnen nichts von beidem geben. Geld sowieso nicht, das ist überall in Asien so. Gibt man den Kindern Geld, werden sie von ihren Eltern weiter zum Betteln auf die Straße geschickt statt in die Schule. Am Ende hilft man ihnen damit sicher nicht. Aber auch Süßigkeiten sollte man den Kindern dort nicht geben. Da es keine Zahnärzte gibt und die meisten Dorfbewohner sich auch sonst nicht groß um Zahnpflege scheren, schadet man den Kindern mit dem Zucker nur. Im ersten Moment klingt es zwar gar nicht so schwer, den Kindern nichts Süßes zu geben. Aber tatsächlich ist es manchmal gar nicht so leicht. In vielen Momenten denkt man überhaupt nicht daran, dass man sich gleich in eine unangenehme Lage bringen wird. Für uns ist es ja völlig normal, dass man unterwegs mal einen kleinen Snack isst und einfach mal einen Müsliriegel auspackt. Für die Kinder dort aber nicht. Die bleiben alle schlagartig stehen und starren dich an. Man kann die knurrenden Mägen förmlich hören. Und auch wir haben recht schnell dazu gelernt. Wir hatten nämlich aus einer Bäckerei in Kathmandu ein paar Kekse dabei, die schon halb zerkrümelt waren und die wir deswegen in das äußere Netzfach meines Rucksacks gepackt hatten. Es dauerte natürlich nicht lange, da wurden wir von Kindern verfolgt, die ständig nach meinem Rucksack griffen. „Na gut, nur dieses eine Mal“, dachten wir uns. Wir gaben jedem Kind einen Keks und gingen weiter. Kurz danach kam noch ein einzelnes kleines Kind angerannt, das die Keksrunde verpasst hatte und tottraurig war. Wir gaben ihm noch einen und verstauten den Rest gut verdeckt im Rucksack. Dieser Fehler sollte uns nicht nochmal passieren. Wer den Kindern dort etwas Gutes tun möchte, der sollte lieber Spielzeug dabei haben. Ich hab mal was von Luftballons gelesen, aber das halte ich in einem so vermüllten Land wie Nepal für keine gute Idee. Dann vielleicht doch lieber Nüsse.

Bhulbhule

Obwohl wir beim Wandern kaum Fotopausen machten, kamen wir doch nur sehr langsam voran. Wir merkten recht schnell, dass wir die vorgegebene Zeit unseres Wanderführers nicht schaffen würden und wurden etwas unruhig. Schließlich war unsere Etappe so schon recht lang und wir wollten auf keinen Fall im Dunkeln wandern oder die guten Schlafplätze verpassen. Und das hielt uns letztlich auch davon ab, überhaupt Pausen einzulegen. Bei der Hitze und dem langen Aufstieg wurde der Tag dadurch extrem anstrengend. Leider hat es uns Mutter Natur ja auch nicht gerade einfach gemacht. Denn nachdem man sich stundenlang einen Berg hinauf gequält hat, geht es nicht etwa geradeaus weiter, sondern es geht wieder steil bergab. Und zwar nur, damit es – unten angekommen – sofort wieder bergauf gehen kann. Wäre ja sonst auch langweilig.

Reisterrassen

Als wir also endlich den ersten Aufstieg geschafft hatten, fanden wir uns in dem wirklich schönen Ort Bahundanda wieder. Viele Wanderer legen hier eine Mittagspause ein oder übernachten hier. Aber wir waren leider schon zu spät dran und gingen deswegen direkt weiter. Am Ende des Dorfes gibt es einen kleinen Abzweig zu einem Aussichtspunkt, aber wir wollten uns keine Verzögerungen erlauben. Darüber, dass wir an diesem Aussichtspunkt vorbeigelaufen sind, ärgere ich mich heute noch. Nur wenige Meter später begann nämlich der steile Abstieg – mit einer unglaublichen Aussicht auf das Tal. Wir konnten einfach gar nicht anders, als unsere Rucksäcke abzusetzen und den Anblick zu genießen. Wäre da nicht ein alter nepalesischer Opi gewesen, der uns schon seit dem Dorf verfolgt hatte und nun wild gestikulierend hinter uns stand. Er zeigte immer wieder auf sich und machte dann eine Geste, als ob er sich eine Kamera an das Auge hält und ein Foto schießt. Wir waren uns nicht sicher, ob er unsere Kamera haben wollte, um uns zu fotografieren oder ob er selbst fotografiert werden wollte. Sicher war jedenfalls, dass wir unsere Kameras nicht aus den Händen geben würden. Als ich dann ein Foto von ihm machen wollte, verlangte er nach Geld. Gut, dann halt nicht, Opi. Wir blieben einfach noch eine Weile stehen, in der Hoffnung, dass der Herr irgendwann gehen würde. Aber das tat er nicht. Also begannen wir unseren Abstieg. Der Opi folgte uns, aber bereits innerhalb kürzester Zeit hatten wir ihn abgehängt.

Bahundanda

Das ist leider das Problem mit Asien; wir sind durch Vietnam immer noch etwas geschädigt, wo viele der Einheimischen einfach nur unfreundlich waren und permanent versucht haben, uns abzuzocken. Dadurch gehen wir den Einheimischen oftmals einfach aus dem Weg, statt uns auf sie einzulassen. Dadurch entgeht man zwar der ein oder anderen Abzocke – aber man verpasst auch unheimlich viel. Später auf dem Trek wurden uns zum Beispiel von einigen Dorfbewohnern Orangen angeboten, die wir dankend ablehnten und schnell weitergingen. Dann trafen wir eine Schweizerin mit einem ganzen Haufen Obst im Gepäck. Die Dorfbewohner hatten es verschenkt und wollten überhaupt kein Geld dafür. Sie wollten einfach nur den Wanderern etwas Gutes tun. Ziemlich unhöflich, so eine liebe Geste abzulehnen, oder?

Nunja, zurück zu Etappe 1… Nachdem wir also den Abstieg hinter uns gelassen hatten, ging es weiter durch Reisfelder und Wald. Wir durchquerten das kleine Örtchen Lili, wo wir uns am Wegrand schnell einen frischgepressten, unfassbar leckeren Orangensaft gönnten (übrigens: die Orangen sind dort grün!) und kamen dann in das hübsche Dörfchen Ghermu, an dessen Ende wir eine gemütliche Lodge entdeckten. Ein guter Platz für eine kleine Teepause. Da wir zu diesem Zeitpunkt bereits ziemlich im Eimer waren und Fab inzwischen ziemliche Schulterschmerzen hatte, kam uns das äußerst gelegen. Wir stellten unsere Rucksäcke ab, zogen die Wanderschuhe aus und lehnten uns für einige Minuten entspannt zurück. Es war bereits 14 Uhr und wir hatten noch zwei anstrengende Stunden vor uns. Einen kurzen Augenblick lang überlegten wir, einfach hier zu bleiben. Aber irgendwie wollten wir nicht schon am ersten Tag in Rückstand geraten. Man weiß ja nicht, was noch kommt. Und wir waren uns zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht sicher, ob wir es beim Circuit belassen oder im Anschluss daran noch weiter zum Annapurna Basecamp laufen wollten. Die Wanderung dorthin hätte noch zusätzliche 7 Tage in Anspruch genommen und unser Zeitfenster für den Circuit damit deutlich verkürzt. Wir bissen also die Zähne zusammen. Ich nahm Fab noch etwas Gewicht ab, um seine Schulter zu entlasten und dann wanderten wir weiter.

Ghermu

Schon kurz nach Ghermu kamen wir an eine Hängebrücke, die uns nach Syange führte. Von solchen Hängebrücken gibt es auf dem Trek wirklich Unzählige – sehr zur Freude für mich und meine Höhenangst. Nicht. An Fab geklammert und den Blick starr auf meine Füße gerichtet hatte ich mich schon über die halbe Brücke gequält, da höre ich nur ein „Oh-oh“ von Fab. Wir bekamen Gegenverkehr. Von einer Herde Esel. Wir mussten also wieder umdrehen, den ganzen Weg über die Brücke zurücklaufen und dann vor der Brücke geduldig warten, bis alle Esel an uns vorbeigetrottet waren. Und dann durften wir noch einmal von vorne anfangen.

Syange

Nach der Brücke kamen wir wieder zurück auf die Jeep-Piste, der wir nun bis zum Etappenziel folgen mussten. Die Straße führte im Zick-Zack steil den Berg hinauf und saugte noch den letzten Tropfen Energie aus uns heraus. Immer wieder fuhren Jeeps an uns vorbei, die den Staub auf der Piste aufwirbelten und uns das Atmen noch zusätzlich erschwerten. Doch irgendwann war es endlich so weit; wir konnten in kurzer Entfernung Jagat erkennen, unser Etappenziel für heute.

Jagat

Dort angekommen, lachten uns in der ersten Unterkunft am Ortseingang der Belgier und der Engländer entgegen. Aber wir hatten in unserem Wanderführer von einer ganz tollen Lodge gelesen und liefen deswegen weiter. Ein Fehler, wie sich herausstellte. Als wir in der Eco Lodge ankamen, ließen wir uns ein Zimmer zeigen. Geräumig, dicke Matratzen, sogar ein eigenes Klo und eine warme Gemeinschaftsdusche – was will man mehr? Leider waren vor uns bereits so viele duschen, dass das Wasser eiskalt und die Dusche abartig dreckig war. Fab ist beim Duschen erstmal die Seife aus der Hand gerutscht und – wie sollte es auch anders sein – geradewegs ins Hockklo gefallen. Außerdem schien die Unterkunft nicht nur in unserem Wanderführer bekannt zu sein. Die Lodge füllte sich rasend schnell mit ganzen Gruppen von Wanderern, denn scheinbar ist sie sehr beliebt bei den Guides und Trägern. Mit Entspannung und Ruhe war also nichts. Daher entschieden wir uns, einfach sehr zeitig ins Bett zu gehen. Aber es dauerte nicht lange, da wurden wir ziemlich brutal aus dem Schlaf gerissen. Was man nämlich wissen sollte ist, dass die Häuser in diesen Dörfern allesamt komplett aus Holz gebaut sind. Und irgendwann betraten drei kräftige Engländer ihr Zimmer über uns. Man könnte meinen, sie seien durch ihr Zimmer gesprungen, so wie es bei jedem Schritt gepoltert hat. Es war ein Höllenlärm, unsere Betten haben gewackelt und es rieselte Dreck von der Decke. Und man konnte natürlich jedes Wort hören, das sie da oben wechselten. Und jedes Mal, wenn wir gerade wieder am einschlafen waren, rumpelte es wieder. Und jedes Mal schreckten wir wieder aus dem Schlaf. Irgendwann fing ich an mich zu fragen, wie lange die Decke das Ganze wohl aushalten würde. Und das war Lektion 2: Schlaf immer im Obergeschoss!

Die Ankunft in Nepal

Unser kleines Abenteuer begann am 4. November 2017 in Kathmandu, als wir aus dem Flugzeug stiegen, die vertraute asiatische Luft einatmeten und uns sofort in unsere Weltreise zurückversetzt fühlten. Ich weiß nicht, was die Luft dort so besonders macht, aber es braucht nur einen Atemzug, um sich völlig frei zu fühlen und in absoluter Urlaubsstimmung zu sein. Da ist der ganze Einreiseprozess doch gleich viel entspannter.

Nachdem wir unsere Visa bekommen und alle Kontrollen passiert hatten, suchten wir uns ein Taxi und fuhren durch einen riesigen Verkehrstrubel in das Touristenviertel Thamel. Tatsächlich ist der Verkehr dort so chaotisch, dass in Taxis und Bussen sogenannte „Contact Boys“ auf dem Beifahrersitz mitfahren, die dem Fahrer durch Pfeifen und Klopfen signalisieren, ob der Weg frei ist. Das Schöne an Thamel ist, dass die Straßen seit Kurzem für Pkws gesperrt sind und man ganz gemütlich dort entlang schlendern kann. Zumindest wenn man an die ganzen Händler gewöhnt ist, die einem natürlich immer etwas verkaufen wollen. Besonders verbreitet sind dort Läden mit allmöglichem Outdoor-Equipment, was in einem Land wie Nepal ja auch vollkommen Sinn macht. Von Wander- und Winterklamotten über Schlafsäcke bis hin zu Rucksäcken, Steigeisen und Trekkingstöcken findet man dort wirklich alles, was man eventuell zum Wandern gebrauchen könnte. Daneben gibt es zahlreiche Tee- und Gewürzläden, Souvenirshops und Trekking Agencies. Und abhängig vom eigenen Erscheinungsbild werden einem gerne auch Drogen angeboten (davon blieben wir aber die meiste Zeit verschont).

Touristenviertel Thamel

Ein weiterer Vorteil von dem Fahrverbot in Thamel ist die bessere Luft. Und mit „besser“ meine ich keineswegs „gut“. Die Luft in Kathmandu ist absolut katastrophal. Das kann man sich als Europäer wirklich überhaupt nicht vorstellen. Die Luftverschmutzung durch Autoabgase und Müllverbrennungen am Straßenrand und dazu noch die ungünstige Lage mitten im Tal machen das Atmen extrem schwer. Ohne Mundschutz hält man es kaum länger als zwei Tage in dieser Stadt aus. Und auch wir wollten hier daher lieber keine Zeit verlieren.

Flug nach Nepal – linkes Bild: Blick auf Himalaya; rechts Bild: Feinstaub über Kathmandu

Trotzdem gab es noch einiges zu erledigen, bevor wir uns auf den Weg zum Annapurna Circuit machen konnten. Am Tag nach unserer Ankunft statteten wir dem Nepal Tourism Board einen Besuch ab, um unsere Genehmigungen für das Trekking zu besorgen. Insgesamt benötigt man für den Annapurna Circuit nämlich zwei Permits: das ACAP-Permit als Eintrittserlaubnis in die Annapurna Conservation Area und das TIMS-Permit für das Trekkers Information Management System, bei dem sich alle Trekker für Notfälle registrieren müssen. Jede dieser Genehmigungen kostet pro Person ca. 20,- EUR und ist unterwegs mehrfach vorzuzeigen. Das Ausstellen der Genehmigungen ging zum Glück recht fix und so hatten wir noch den ganzen Nachmittag Zeit, um Wanderstöcke und Handschuhe shoppen zu gehen. Letzteres gestaltete sich leider als ziemlich kompliziert, da wir einfach keine gescheiten Handschuhe finden konnten. Entweder waren sie zu dünn oder zu hässlich. Ziel war es ja nicht, irgendein Wegwerfprodukt zu kaufen, sondern etwas, das wir auch zu Hause noch verwenden würden. Am Ende war uns aber klar, dass wir solche Dinge künftig doch lieber zu Hause in Deutschland kaufen. Wer billig kauft, kauft eben letztendlich doch zwei Mal…

Am nächsten Morgen war es dann so weit. Wir machten uns auf den Weg nach Besisahar, dem Startpunkt der Annapurna-Runde. Dafür hatten wir uns Sitze in einem Touristenbus gebucht, denn von den Bussen der Einheimischen wird aus Sicherheitsgründen strengstens abgeraten. Für die Strecke von 175 km haben wir dann immerhin knapp 8 Stunden gebraucht. In Asien ist es übrigens ganz normal, dass aller zwei Stunden eine Pause eingelegt wird. Die Mittagspause ist dabei besonders lang, weil man vor einem Restaurant abgesetzt wird und alle erstmal gemütlich essen. Leider ist kurz vor unserer Mittagspause der Keilriemen vom Bus gerissen und unser Busfahrer musste sich von einem Anwohner ein Motorrad ausleihen, um im nächsten Dorf einen neuen Keilriemen zu besorgen. Die Pause dauerte gefühlt eeewig und hielt den Busfahrer natürlich nicht davon ab, eine halbe Stunde später trotzdem am Stammlokal anzuhalten und seine ausführliche Mittagspause einzulegen. Als wir dann irgendwann in Besisahar waren, war es schon zu spät, um noch am gleichen Tag loszuwandern, aber irgendwie auch zu früh, um den Rest des Tages in diesem eher unschönen Ort herumzusitzen. Wir sprangen deshalb kurzerhand in einen Local Bus, der uns nach Bhulbhule brachte. Bhulbhule ist das zweite Örtchen auf dem Circuit und der Eingangspunkt zur Annapurna Conservation Area. Viele Trekker starten ihre Tour deswegen erst hier, aber die Fahrt hierher ist eher Geschmackssache, um es vorsichtig auszudrücken. Die „Straße“ ist mehr als nur holprig, sodass man hin und wieder vom Sitz abhebt, das Gepäck durch den Bus fliegt und auch die ein oder andere Beule nicht ausbleibt. Die Fahrt dauert aber immerhin nur knapp eine Stunde und ist irgendwie auch ziemlich lustig.

In Bhulbhule angekommen gingen wir einfach gleich in die erstbeste Unterkunft direkt neben der Bushaltestelle. Genau wie alle anderen aus dem Bus auch. Und so wurde es schnell recht voll und gesellig. Wir tranken dann mit einem Australier, einem Kanadier, einer Neuseeländerin, einem Engländer und einem Belgier gemütlich Tee und freuten uns total auf die kommenden Tage. Und in der Nacht lernten wir schon die erste Lektion auf unserer Tour: Nimm niemals ein Zimmer ohne zuvor einmal auf dem Bett gesessen zu haben. Das B(r)ett war nämlich so extrem hart, dass wir kaum ein Auge zu gemacht haben. Trotzdem waren wir am Morgen aber erstaunlich munter. Wir standen zeitig auf, haben unsere Kräfte mit Porridge und gebratenen Nudeln gestärkt und los ging die große Wanderung!

Namaste!

29 Tage waren wir in Nepal. Die meiste Zeit davon haben wir auf dem Annapurna Circuit verbracht, einer der schönsten und abwechslungsreichsten Trekkingrouten der Welt. Die Umrundung der Annapurna-Gebirgskette dauert insgesamt fast drei Wochen. Die Route führt an drei der weltweit vierzehn 8.000er vorbei, über einen Pass auf 5.416 m Höhe und schließlich durch das tiefste Tal der Welt. Auf einer Länge von ca. 250-280 km kommt man dabei durch fast alle Klimazonen. Während man anfangs noch bei fast 30 °C durch saftig grüne Wälder und Reisterrassen wandert, kämpft man sich später bei bis zu -15 °C durch karge, steinige Berglandschaften. Da der Trek im Winter wegen Kälte und Schnee nicht begehbar ist und im Sommer Monsunzeit herrscht, sind die besten Monate zum Wandern März/April und Oktober/November. Wir waren im November unterwegs und damit wirklich äußerst zufrieden. Die Sicht ist klar, der Himmel bis mittags stets wolkenfrei. Die absolute Hauptsaison im Oktober ist vorüber und der größte Ansturm von Trekkern weg. Es sind genug Menschen unterwegs, sodass man sich nicht völlig verloren fühlt und man unterwegs nette Leute kennenlernen kann, wenn man möchte. Aber man hat auch seine Ruhe, sieht manchmal stundenlang keine anderen Wanderer und muss sich überhaupt keine Gedanken über den nächsten Schlafplatz machen.

Die Möglichkeiten, den Annapurna Circuit zu bereisen, sind sehr vielfältig. Seit ein paar Jahren wird in Nepal das gesamte Straßennetz ausgebaut und alle Provinzhauptstädte werden daran angebunden. Aus diesem Grund befinden sich auf vielen Abschnitten der Trekkingroute Jeep-Pisten, mit denen man weite Teile des Circuits befahren kann. Nur wenige Wanderer machen daher heute noch die komplette Umrundung. Die Meisten springen nach der Passüberquerung in einen Jeep oder in ein kleines Flugzeug und lassen damit gleich ein ganzes Drittel der Wanderung weg. Wir haben sogar Leute getroffen, die tatsächlich noch nicht einmal wussten, dass der Trek eigentlich noch weiter geht.

Wer möchte, der kann den Circuit auch mit Guide und Träger wandern, notwendig ist das aber nicht. Obwohl die Tour schon allein wegen der Höhe teilweise sehr anstrengend ist, ist sie auch für Anfänger und weniger Trainierte sehr gut alleine machbar. Wir haben sowohl auf Guide als auch auf Träger verzichtet und sind stattdessen mit dem sehr empfehlenswerten Rother Wanderführer losgezogen. Auch im Nachhinein würden wir es niemals anders machen. Nichts ist schöner, als so eine grandiose Wanderung ganz in Ruhe und im eigenen Tempo genießen zu können. Niemand treibt dich voran oder hält dich auf. Niemand macht dir ein schlechtes Gewissen, wenn du zu viele oder zu lange Pausen machst oder vielleicht frühs doch einfach noch eine halbe Stunde länger liegen bleibst. Es ist ohnehin fast unmöglich, sich zu verlaufen und da man keinerlei Ausrüstung benötigt, sollte man sein Gepäck auch selber tragen können. Man muss ja noch nicht einmal seine eigene Verpflegung mitnehmen, denn der Annapurna Circuit ist ein sogenannter „Teahouse Trek“. Das heißt, dass es überall auf dem Weg kleine einheimische Dörfer gibt, in denen man zahlreiche Lodges zum Essen und Übernachten findet. Selbstverständlich darf man dort keine europäischen Standards erwarten; so einen Luxus wie Staubsauger, Waschmaschinen oder auch nur Heizungen kennt man dort natürlich nicht. Im Normalfall gibt es noch nicht einmal richtige Klos, sondern nur Hocktoiletten. Auch warme Duschen findet man eher selten. Aber man gewöhnt sich erstaunlich schnell an das einfache Leben und besser als Campen ist es allemal. Und Eines muss man den Nepalesen definitiv lassen: Kochen können sie! Wir waren ja nun doch schon in so einigen Ländern unterwegs und ohne Zweifel gehört die nepalesische Küche zu unseren absoluten Favoriten. Das Nationalgericht heißt Dal Bhat und steht auf wirklich jeder Karte. Es handelt sich dabei um Linsensuppe (Dal) mit Reis (Bhat), Gemüsecurry und Pappadam, einem hauchdünnen frittierten Fladen aus Linsen- oder Kichererbsenmehl. Die Einheimischen essen dieses Gericht fast täglich und trotzdem wird es nie langweilig, weil es in jeder Küche anders schmeckt. Das Besondere an Dal Bhat ist übrigens, dass man kostenlos Nachschlag bekommt, bis man irgendwann ausdrücklich Stopp sagt. Hier gilt also: All you can eat!

Das nepalesische Nationalgericht Dal Bhat

Zu den weiteren typischen Gerichten gehören noch Momos (gedämpfte Teigtaschen mit Füllung), Samosas (frittierte Teigtaschen mit Gemüsefüllung), allerlei Suppen, gebratener Reis und gebratene Nudeln. Verhungern muss man hier also ganz sicher nicht, zumal die Preise ja durchaus erschwinglich sind. Das Essen wird zwar teurer, je höher man kommt – im Schnitt sind wir aber zu zweit mit 20-25 € pro Tag für drei Mahlzeiten sehr, sehr gut ausgekommen. Und da reden wir hier nicht etwa von kleinen Portiönchen, sondern von „ich ess, bis ich nicht mehr kann“ und dazu gab es dann bei fast jeder Mahlzeit noch 1 bis 2 Liter Tee. Wir haben es uns also schon recht gut gehen lassen für die paar Euro.

In vielen Lodges auf dem Weg zum Pass kann man übrigens – gerade im November, wenn die Hauptsaison vorbei ist – kostenlos schlafen, solange man dort Abendbrot und Frühstück isst. Mehr als 2-3 Euro zahlt man aber eigentlich nie. Das liegt zum Einen natürlich daran, dass die Einheimischen die Trekker in ihre Lodges locken wollen, da sie ihr Haupteinkommen ohnehin mit dem Essen machen. Zum Anderen verlangen die Nepalesen aber auch nur sehr ungern Geld von ihren Gästen. Mehr als Betten gibt es in den Zimmern sowieso nicht – kein Bad, keine Heizung und häufig noch nicht einmal Strom. Das ändert sich allerdings auf der Westseite vom Pass, da diese Seite deutlich touristischer ist. Vor allem Inder pilgern hier gerne zu den verschiedenen Tempeln, aber auch die Jeep-Pisten sind hier besser ausgebaut, sodass Touristen hier leichter hinkommen. Dennoch hat auch hier unsere teuerste Unterkunft gerade mal 8,50 € gekostet – und die hatte sogar eine heiße Dusche. Auf dem Zimmer!

Was man noch beachten sollte: Das Leitungswasser in Nepal ist sehr schmutzig und für uns Europäer daher äußerst unverträglich. Man kann zwar auf dem ganzen Trek Wasser in Flaschen kaufen, aber davon sollte man tunlichst die Finger lassen! Nepal hat ein ungeheures Müllproblem. Plastikflaschen landen dort grundsätzlich in der Natur und werden nicht recycelt. Es ist wirklich traurig, was man dort teilweise zu sehen bekommt. Man sollte also unbedingt seine eigene Trinkflasche mitbringen und das Leitungswasser filtern. Viele verwenden dafür Chlortabletten, aber mal abgesehen von dem abartigen Geschmack ist das ziemlich ungesund. Wir haben uns deswegen einen SteriPEN gekauft, der das Wasser mittels UV-Licht entkeimt. Das ist absolut sicher und geht ganz fix (Chlortabletten brauchen bis zu 2 Stunden). Bei uns hat es wirklich 1a funktioniert.