Etappe 16: Ghorepani – Poon Hill (3.193 m) – Nayapul (1.050 m) – Pokhara, 9.45 h, 21.9 km

Da war er. Der letzte Tag auf dem wunderschönen Annapurna Circuit. Schon heute Abend würden wir wieder in einem richtigen Hotel schlafen. Aber bis dahin wartete noch ein verdammt langer Weg auf uns. Und vorher wollten wir ja auch noch den Poon Hill besteigen, um von dort aus den Sonnenaufgang zu beobachten. Aus diesem Grund klingelte unser Wecker auch schon um 4.30 Uhr. Wir schlüpften schnell in mehrere Schichten kuschlig warmer Klamotten, zogen unsere Stirnlampen über die Mützen und marschierten um 4.45 Uhr los. Etwa eine Stunde sollte der Aufstieg zum Poon Hill dauern, in der über 350 Hm zurückgelegt werden mussten. Der Sonnenaufgang würde so gegen 6 Uhr beginnen und wir hofften, vorher noch einige Fotos mit den Sternen machen zu können. Im Dunkeln bahnten wir uns unseren Weg durch Ghorepani bis hin zu einem ausgetretenen Pfad, der geradewegs den Berg hinaufführte. Nach einer ganzen Weile fanden wir uns vor einem kleinen Hüttchen wieder, in dem allen Ernstes Eintritt für den weiteren Weg verlangt wurde. Ich denke, das sagt Einiges darüber aus, wie touristisch dieser Ausflug tatsächlich ist. Die Temperaturen waren auch hier wieder weit unter Null, vermutlich so um die -15 °C. Trotzdem war der Aufstieg unglaublich schweißtreibend, zumal wir ein ordentliches Tempo an den Tag legten. Auf dem Weg überholten wir immer wieder andere Wanderer und nach ca. 45 Minuten erreichten wir dann die Spitze des Poon Hill. Und siehe da: Wir waren sogar die Allerersten, die oben angekommen waren. Mal abgesehen von den beiden Einheimischen, die hier oben einen kleinen Teestand betrieben. Wir nutzten die Gelegenheit, um uns den schönsten Platz herauszusuchen und bauten dort unsere Kamera auf. Es war noch dunkel genug, um schnell einige Bilder von den Sternen zu machen. An einem der Berge konnten wir sogar einen großen Waldbrand beobachten. Dann füllte sich der Aussichtspunkt mit mehreren hundert Leuten und langsam wurde es richtig ungemütlich. Die Dämmerung begann, der Himmel wurde heller und der Horizont färbte sich in ein leuchtendes Rot. Die Spitzen der vielen Bergriesen fingen zu Leuchten an und wir kamen aus dem Staunen überhaupt nicht mehr raus.

Nilgiri (7.010 m) und Annapurna I (8.091 m)
Machhapuchhre (6.993 m)
Nilgiri (7.010 m), Annapurna I (8.091 m), Annapurna Süd (7.219 m), Hiunchuli (6.441 m) und Machhapuchhre (6.993 m)
Dhaulagiri (8.172 m)

Es hatte sich absolut ausgezahlt, dass wir den Berg so hinauf gehetzt waren und einen Platz in der ersten Reihe ergattert hatten. Denn um uns herum herrschte ein dichtes Gedränge und Geschubse von den Leuten, die zu spät gekommen waren und trotzdem noch was sehen wollten. Leider hatte das Gehetze aber auch einen wesentlichen Nachteil. Meine Kleidung war so durchgeschwitzt, dass ich am ganzen Körper höllisch fror. Je länger wir dort standen, desto schlimmer wurde es. Nach etwa 45 Minuten konnte ich Finger und Fußzehen nicht mehr spüren und mir wurde richtig schlecht, was wohl auch an meiner Erkältung lag und daran, dass wir noch nichts gefrühstückt hatten. Ich wollte Fab zurücklassen und schonmal mit dem Abstieg beginnen, aber nach nur wenigen Metern wurde mir verdammt schwindlig und ich kehrte wieder um. Alleine traute ich mir den Abstieg in diesem Zustand nicht zu. Ich bekam Panik. Fab packte schnell die Kamera weg, griff meine Hand und führte mich langsam den Berg hinunter. Nach einigen Minuten tauten Finger und Zehen auf und ich wurde wieder etwas ruhiger. Mit jedem Schritt ging es mir besser und als wir dann zurück in Ghorepani waren, fühlte ich mich wieder einigermaßen fit. Wir frühstückten noch in Ruhe in unserer Lodge, dann packten wir unsere Sachen zusammen und begannen unsere allerletzte Etappe.

Wir folgten dem Weg durch einen großen Rhododendronwald und über mehrere kleine Bäche. Wegen der ganzen Poon-Hill-Besucher waren auf dieser Strecke ungewöhnlich viele Leute unterwegs, aber trotzdem waren wir erstaunt, wie gut sich die Massen verteilt hatten. Schockiert waren wir allerdings darüber, wie viele Träger hier plötzlich unterwegs waren. Als ob keiner der Wanderer in der Lage wäre, sein Gepäck für die drei Tage selbst zu tragen.

Nepalesische Träger
Waldpfad

Nach etwa zwei Stunden ließen wir den dichten Wald hinter uns und der Blick wurde frei auf das vor uns liegende Tal. Im Hintergrund war der Machhapuchhre zu sehen, der von Westen wie eine gigantische Fischflosse aussieht (deswegen wird er auch Fishtail genannnt). Wir bahnten uns den Weg am Hang entlang zum nächsten Dorf, Ulleri. Hier gab es wieder zahlreiche Lodges und Teehäuser, die allesamt ziemlich gut besucht waren. Viele der Poon-Hill-Trekker übernachten auf ihrem Hinweg in Ulleri oder bauen hier zumindest eine längere Pause ein. Warum zeigte sich dann am Ortsende. Hier wartete nämlich der mit Abstand schlimmste Part dieser Etappe auf uns: Steinstufen. Und zwar laut unserem Wanderführer ganze 3.280 Stück. 3.280! Die nächste Stunde würden wir über diese Stufen 500 Hm hinabsteigen.

Ich denke, es ist überflüssig zu erwähnen, dass uns die Beine einfach nur höllisch wehtaten. Die Füße brannten, die Knie schmerzten und die Schenkel zitterten vor Anstrengung. Wir legten regelmäßige Pausen ein, aber letztendlich wollten wir es einfach nur hinter uns bringen und wirklich geholfen haben die Pausen ohnehin nicht. Wenn wir kurz anhielten, spürten wir unsere Beine beim Stehen nur umso mehr; wenn wir uns hinsetzten, war das Aufstehen dafür umso schlimmer. Hier hatten wir richtig Mitleid mit den Poon-Hill-Trekkern, die das Ganze erst hinauf und dann nochmal hinunter steigen mussten. Aber irgendwann war auch das überstanden und als wir unten ankamen, fanden wir uns vor einem kleinen Saftstand wieder, an dem ein junges holländisches Pärchen frische Fruchtsäfte verkaufte. Wir setzten uns auf eine Steinmauer, um uns einen ihrer Säfte zu gönnen – aber leider hatten sie genau in diesem Moment keinen Strom für ihren Mixer. Neben dem kleinen Stand führte eine Brücke über einen Fluss, der uns von hier an bis fast zum Ende unserer Etappe begleiten würde. Das Schlimmste hatten wir an diesem Punkt bereits geschafft, aber wir hatten noch immer drei Stunden Strecke vor uns und nach dem zeitigen Aufstehen und den ganzen Stufen waren wir ganz schön ausgelaugt. Wir konnten es kaum erwarten, diesen letzten Rest hinter uns zu bringen und uns in Nayapul endlich in einen Bus zu setzen. Obwohl wir mal wieder durch einige hübsche Dörfer kamen, waren wir fest entschlossen, den Rest noch heute durchzuziehen und nicht noch eine weitere Nacht auf dem Trek zu verbringen. Wir hatten noch nicht einmal die Muse, in einem der Dörfer eine Mittagspause einzulegen. Wir gönnten uns hier und da mal eine kühle Limo, aber längere Pausen wollten wir nicht machen. Unser Weg verlief direkt am Fluss entlang, mal durch Wälder, mal durch Ackerland. Beim Laufen begegneten wir immer wieder einer Gruppe von drei kräftigen Männern, die wir vor Tatopani schon einmal gesehen hatten. Sie sahen genauso fertig aus, wie wir uns fühlten. Die letzten Meter waren einfach nur ein Kampf – wie so vieles bisher auf diesem Trek.

Kurz vor Nayapul kamen wir noch einmal durch ein Dorf, in dem wir eine letzte Pause einlegten. An dem Schild mit der Aufschrift „Schoko-Bananen-Shake“ konnten wir einfach nicht vorbeigehen. Danach mussten wir an zwei Check Posts noch einmal unsere Permits vorzeigen, bevor wir den Ausgang der Annapurna Conservation Area erreichten. Ein gemischtes Gefühl von Erleichterung und Traurigkeit überkam uns. Das war’s. Wir hatten es geschafft. Fast drei Wochen waren wir auf dem Annapurna Circuit unterwegs gewesen. Es war das mit Abstand schönste Abenteuer, das wir bisher erlebt hatten. Es war hart und anstrengend, aber absolut lohnenswert.

Von hier aus waren es nur noch wenige Minuten bis zur Bushaltestelle in Nayapul, die eigentlich gar keine ist. Im Prinzip gibt es weder einen festen Haltepunkt, noch einen Fahrplan. Man wartet einfach, bis ein Bus kommt und hält diesen dann an. Es saßen bereits einige müde dreinschauende Trekker dort und warteten. Obwohl wir seit fast 10 Stunden unterwegs waren, war es gerade mal 14.30 Uhr. Die Busfahrt in die nächste Großstadt Pokhara sollte so um die zwei Stunden dauern. Doch während wir dort so saßen, nutzten einige Jeep-Fahrer die Gelegenheit, um uns vollzuquatschen und uns ihre Jeeps anzubieten. Wie immer in Südostasien waren die Angebote zunächst lächerlich teuer, aber wir alle wollten so schnell wie möglich nach Pokhara und niemand wusste, wann der nächste Bus kommen würde oder ob darin überhaupt noch Sitzplätze frei sein würden. Zusammen mit ein paar jungen Trekkern verhandelten wir also mit den Fahrern und letztendlich teilten wir uns zu siebt einen Jeep für 500 NPR (= ca. 4 Euro) pro Person. Die Fahrt war äußerst wackelig und für meinen Magen keine große Wohltat, aber nach noch nicht mal einer Stunde erreichten wir Pokhara. Wir gingen in ein nettes Hotel, nahmen eine laaange Dusche und gaben erstmal unsere ganzen Sachen in den Wäscheservice (nicht alle natürlich, wir mussten ja noch was tragen). Dann wollten wir uns auf den Weg in ein nettes Restaurant machen und es uns richtig gut gehen lassen. Und ratet mal, wen wir dort getroffen haben! Linda und Thomas, unsere zwei dänischen Weggefährten. Die beiden hatten am Tag zuvor den Trek beendet. Nachdem Thomas wieder gesund war, hatten sie die Passüberquerung in Angriff genommen und sind noch am selben Tag von Muktinath aus mit dem Jeep nach Pokhara gefahren, wo sie dann um 2 Uhr nachts angekommen waren.

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