Etappe 4: Timang – Chame (2.670 m), 3.30 h

Als wir am nächsten Morgen aus unserem Zimmer hinaus in die frische Luft traten, fiel unser Blick sofort nach Osten auf den Manaslu. Der Himmel war nun wieder vollkommen wolkenfrei und so konnten wir zum allerersten Mal in unserem Leben einen der vierzehn Achttausender bewundern. Der Ausblick auf das vereiste Bergmassiv war so unglaublich schön, dass man kaum wegschauen konnte. Kein Wunder, dass viele Lodges in Timang  Dachterrassen haben. Diese Aussicht muss man ja einfach in vollen Zügen genießen.

Aussicht auf den Manaslu, 8.163 m

Leider war es uns aber draußen viel zu kalt, sodass wir uns letztendlich doch einen Tisch in der Dining Hall suchten. Wir gönnten uns ein spätes, umfangreiches Frühstück mit Pancakes, Zitronentee und jeder Menge Pfefferminzöl. Linda war inzwischen auch wieder mit am Start und sah zum Glück deutlich besser aus als gestern – auch wenn sie noch immer mit ihrem Magen zu kämpfen hatte und verzweifelt versuchte, sich mit Nudelsuppe aufzupäppeln. Auch mir ging es deutlich besser als nach dem gestrigen Tag erwartet, obwohl ich noch immer Halsschmerzen, Stimmenprobleme und leicht erhöhte Temperatur hatte. Wir hatten in dieser Nacht über 12 Stunden geschlafen und das bei frischester, reinster Bergluft (davon hat man in den Holzhütten ja auch mehr als genug) und unseren Körpern tat das offenbar sehr gut. Zumindest waren wir alle fest entschlossen, es heute bis nach Chame zu schaffen, um dort dann endlich einen Ruhetag einzulegen.

Noch während wir gemütlich frühstückten, erreichten die ersten Wandergruppen das kleine Dörfchen. Es war schon fast Mittag und nach dem Aufstieg braucht wohl scheinbar ohnehin jeder eine Pause, sodass es in unserer Lodge langsam richtig voll und ungemütlich wurde. Zeit zu gehen. Wir packten unsere Sachen, warfen noch einmal einen Blick auf den Manaslu und machten uns zu fünft auf den Weg nach Chame.

Der Weg war zum Glück keine große Herausforderung. Er führte die meiste Zeit auf der Jeep-Piste einigermaßen eben durch Kiefernwald. Immer mal wieder machten die Bäume dabei die Sicht auf den Manaslu frei, der scheinbar die komplette Ostseite dominierte. Und dann ragte plötzlich vor uns die gewaltige Spitze der Annapurna II über den Baumwipfeln auf. Was für ein Anblick! Die Annapurna II ist deutlich spitzer als der Manaslu und liegt auch viel näher an der Wanderroute, wodurch sie einfach unglaublich gigantisch wirkt. Immerhin lagen zwischen uns und der Spitze der Annapurna II ganze 5.300 m Höhenunterschied, aber nur 10 km Luftlinie! Da kann man gar nicht anders als schlagartig stehen zu bleiben und zu staunen.

Manaslu, 8.163 m

Der Anblick begleitete uns bis nach Koto, wo wir an einem Checkpoint unsere Trekking-Permits vorzeigen mussten. Neben dem Checkpoint fanden wir einen kleinen Stand, an dem ein Einheimischer frische Samosas verkaufte. Wir nutzten die Gelegenheit für eine kurze Pause, setzten uns auf eine Steinmauer am Wegrand und genossen bei ein paar Samosas die Aussicht auf die Annapurna II. Hinter uns stand eine Lodge mit einem kleinen Garten, in dem wir zwei vertraute Gesichter entdeckten: die Neuseeländerin und der Kanadier, die wir am ersten Abend auf dem Trek kennengelernt hatten. Wir wechselten ein paar Worte. Wie sich herausstellte, mussten die Beiden auch einen Gang herunterschalten, weil den Kanadier ebenfalls die Grippe erwischt hatte. Sie erzählten uns, dass in Kathmandu vor einigen Tagen eine extreme Grippewelle ausgebrochen sei, die scheinbar auch sehr viele Touristen erwischt habe. Und tatsächlich, viele der Trekker auf dem Circuit schienen krank zu sein; überall hörte man es husten und schniefen.

Annapurna II, 7.937 m
Koto

Von Koto aus waren es dann schon nur noch ca. 30 Minuten, bis wir die ersten Häuser von Chame sehen konnten. Direkt am Ortseingang kam eine ältere Dame zu uns an die Straße und bot uns ihre Lodge an. Da wir nicht gleich die erstbeste Unterkunft nehmen wollten, zögerten wir etwas. Die Dame begann daraufhin, uns mit netten Angeboten zu locken: kostenlose Zimmer, viele Decken, heiße Dusche, Ofen im Dining Room, Willkommenstee und 10 % Rabatt auf alle Speisen. Ob sie das mit dem Rabatt überhaut durfte, war uns nicht so richtig klar, denn die Preise für die Speisen sind auf dem gesamten Annapurna Trek staatlich reguliert. Aber das Angebot war zu verlockend, um sich nicht wenigstens mal die Zimmer zeigen zu lassen. Die ganze Lodge war ordentlich und sauber und die Matratzen machten einen sehr bequemen Eindruck. Also blieben wir. Die Dusche war sogar richtig heiß und ein absoluter Traum. Und auch der Dining Room war total gemütlich. Am Eingang befand sich ein Ofen, um den herum Bänke und Stühle standen. Und kaum hatten wir uns alle um den Ofen herum gesetzt, brachte man uns auch sofort unseren Willkommenstee und zündete uns ein warmes Feuerchen an. Und mal wieder saßen wir zu fünft lange da und quatschten über Gott und die Welt. Leider machte aber der Rauch meinem ohnehin schon schmerzenden Hals sehr zu schaffen, sodass ich irgendwann nur noch ununterbrochen husten musste. Das war dann der Punkt, an dem wir alle ins Bett gingen und einen weiteren Tag auf dem Annapurna Circuit beendeten.

Chame

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