Das Land aus Eis und Feuer – Der Westen

Tag 16. Unser Urlaub neigte sich langsam dem Ende zu und es wurde Zeit, in Richtung Reykjavik aufzubrechen. Auf dem Weg dorthin wollten wir uns aber noch den Snæfellsnes-Nationalpark anschauen, der auf einer Halbinsel nordwestlich von Reykjavik liegt. Aus diesem Grund fuhren wir von Akureyri aus auf direktem Wege zu unserem Hotel in einem kleinen Kaff namens Bifröst, das zwar nicht besonders schön war, dafür aber ein guter Ausgangspunkt für einen Ausflug in den Nationalpark, den wir uns für den nächsten Tag vorgenommen hatten.

Ringstraße bei Akureyri
Ringstraße bei Akureyri

Und als ob uns Island einen krönenden Abschluss gönnen wollte, wurde das Wetter endlich so richtig schön. Und passend zum schönen Wetter gab es sogar noch einen großen Sonnensturm, der für eine äußerst hohe Aurora-Aktivität sorgen sollte. Genau für unsere letzten beiden Nächte war eine Aktivität der Stufe 6 auf einer Skala von 0-9 angekündigt. Bei Stufe 6 sind die Lichter so stark, dass man sie sogar bis Dänemark sehen kann. Unser Plan war also, die Nacht an einem besonders schönen und ruhigen Ort zu verbringen, um die Nordlichter bestmöglich genießen zu können. Am späten Nachmittag packten wir uns deswegen die Rucksäcke mit Essen voll und fuhren zu einem der schönsten Wasserfälle Islands, dem Hraunfossar. Das Besondere an diesem Wasserfall ist, dass er aus dem Nichts zu kommen scheint. Über eine Breite von ca. 700 m haben sich über hundert kleine Wasserfälle gebildet, doch einen dazugehörigen Fluss sieht man nicht. Das liegt daran, dass der Fluss etwa einen Kilometer von den Wasserfällen entfernt in einem alten Lavafeld versickert und von dort aus unterirdisch weiterfließt. Am Rande des Lavafeldes tritt das Wasser dann aus der Lava hervor und ergießt sich in einen anderen Fluss.

Hraunfossar
Hraunfossar

Wir erreichten den Hraunfossar pünktlich zum Sonnenuntergang, als das warme Licht der Sonne auf die vielen Wasserfälle und die dahinter stehenden Bäume in ihren Herbstfarben schien. Ich kniete gerade mit der Kamera auf dem Boden, um den Wasserfall zu fotografieren, da meinte Fab plötzlich zu mir: „Vorsicht, über dir wurde gerade ein Kamerastativ aufgebaut. Und das meine ich wörtlich!“. Und das war der Beginn eines äußerst unschönen Erlebnisses. Soeben war nämlich ein Bus angekommen, der zu einer Fototour gehörte. Und dieser hatte eine ganze Ladung amerikanischer Hobbyfotografen mitgebracht, die sich für die Größten hielten und keinerlei Respekt gegenüber den anderen Leuten dort hatten. Das zeigte sich zum Beispiel darin, dass tatsächlich über mir ein Stativ aufgebaut wurde (ich Depp bin auch noch zur Seite gekrochen statt einfach aufzustehen und das ganze Ding umzureißen) oder sich die gesamte Mannschaft am Wegrand nebeneinander so aufgestellt hat, dass außer ihnen keiner mehr die Wasserfälle sehen konnte. Auch auf Langzeitbelichtungen anderer Fotografen wurde null Rücksicht genommen und stattdessen auf der Aussichtsplattform so herum getrampelt, dass wahrscheinlich kein einziges Foto gelungen ist. Den Hraunfossar haben wir erst wieder zu Gesicht bekommen als das ganze schöne Sonnenlicht und mit ihm auch der Bus verschwunden war.

Als dann die Dämmerung eintrat, setzten wir uns zurück ins Auto und veranstalteten dort ein kleines Picknick, um uns die Zeit bis zur Finsternis zu vertreiben. Draußen war es dafür zu kalt, denn es wurde tatsächlich langsam Winter und die Temperaturen hatten bereits die 0 °C erreicht. Wir mussten gar nicht lange warten, da war es auch schon dunkel und die ersten grünen Schimmer machten sich am Himmel bemerkbar. Wir liefen zurück zu den Wasserfällen und warteten einige Minuten, aber mehr als den grünen Schimmer bekamen wir nicht zu sehen. Da es uns aber draußen zu kalt war, wollten wir lieber wieder im warmen Auto warten und so liefen wir wieder zurück. Wir waren schon fast am Parkplatz angekommen, da kam uns eine Traube von Leuten entgegen – allesamt mit schrecklich grellen Stirnlampen auf dem Kopf, die sie geradewegs auf unsere Gesichter richteten. Obwohl wir verzweifelt versuchten, das Licht mit hochgehaltenen Armen abzublocken, hatten die anderen kein sonderlich großes Mitleid mit uns und zielten weiterhin direkt auf unsere Augen. Nachdem sie dann an uns vorbeigelaufen waren – wir waren stehengeblieben, weil wir absolut nichts mehr sehen konnten – und die Sternchen vor unseren Augen so langsam verschwunden waren, stellten wir fest, dass diese Leute aus einem Bus kamen. Es war die gleiche Fotogruppe wie die beim Sonnenuntergang. Ohne groß zu überlegen stiegen wir ins Auto und fuhren davon. Das wollten wir uns nicht noch einmal antun.

Völlig planlos fuhren wir dann durch die Gegend, auf der Suche nach irgendeinem hübschen Fleckchen, aber leider ohne Erfolg. Und während wir da so fuhren, leuchtete plötzlich über uns der ganze Himmel in einem strahlenden Grün auf. Wir stellten den Renault hastig irgendwo am Straßenrand ab und stiegen aus. Und tatsächlich, die Nordlichter waren in dieser Nacht noch viel faszinierender als in Akureyri. Viel heller, viel größer und viel schneller. Und obwohl wir inzwischen Minusgrade hatten, war die Gänsehaut mit Sicherheit nicht nur den Temperaturen geschuldet. Lange standen wir dort mitten auf der Straße und konnten unseren Augen kaum trauen. Erst als die Lichter wieder zu einem schwachen Schimmer abflauten, stiegen wir wieder ins Auto. Aber auf dem Weg zum Hotel machten wir aller paar Minuten wieder Halt, weil der Himmel erneut zu leuchten begann.

Tag 17. Den Snæfellsnes-Nationalpark kann man über zwei Straßen erreichen. Eine asphaltierte Straße führt an der Südküste der Halbinsel entlang und die zweite Straße an der Nordküste. Die nördliche Straße ist nicht asphaltiert, aber dennoch hat uns die Dame an der Hotelrezeption empfohlen, wenigstens einmal dort entlang zu fahren. Nun ja, nicht jede Empfehlung ist Gold wert. Wir hatten uns entschieden, die Nordstraße auf dem Hinweg zu fahren und haben es ziemlich bereut. Die Straße, wenn man es denn so nennen mag, ist ein Grauen. Man kommt nur schwer voran und verliert einfach nur unglaublich viel Zeit. Die supertolle Aussicht, die man von dort aus auf die Küste und die vielen vorgelagerten Inseln haben soll, ist gerade mal so lala. Jedenfalls im Vergleich zu dem, was man sonst so in Island sehen kann. Immerhin eignen sich die hübschen kleinen Dörfer am Ende der Straße gut für eine kurze Verschnaufpause, die wir dann auch irgendwie nötig hatten. Nachdem wir dann einige Minuten in einem der Orte gehalten und uns noch einen kleinen, unspektakulären Wasserfall angeschaut hatten, folgten wir einem weiteren grandiosen Ratschlag unserer Hoteldame. Dieses Mal führte uns der Weg zu einem Leuchtturm an der Küste, von dem aus man häufig tolle Tiere sehen kann, wie beispielsweise Wale, Polarfüchse und Puffins (Papageitaucher). Ich bin mir nicht sicher, ob die Isländer ihre Straßen anders wahrnehmen als wir Ausländer. Vielleicht sind ihnen aber auch einfach nur ihre Autos egal. Auf jeden Fall würde ich dieses Desaster, das die dort allen Ernstes „Straße“ genannt haben, selbst mit einem Geländewagen nicht noch einmal fahren. Für die 5 km von der Hauptstraße zum Leuchtturm haben wir gefühlt Stunden gebraucht und jede Sekunde davon dachten wir, dass der Renault wahrscheinlich jeden Moment zusammenbricht. Die Straße führt durch ein Lavafeld, aber ist nicht etwa irgendwie begradigt oder so – nö, man fährt ununterbrochen über teilweise echt große Lavabrocken. Die Hinterräder des Renaults hat es uns permanent weggezogen und mehr als 20 km/h waren sowieso schonmal gar nicht drin. Eigentlich wären wir sofort umgedreht, nur leider gab es nirgendwo die Möglichkeit zu wenden und so waren wir gezwungen, das Ganze bis zum Schluss durchzuziehen. Zugegebenermaßen ist der knallig orangene Leuchtturm an den steilen Klippen und mit dem Vulkan Snæfellsjökull im Hintergrund wirklich richtig schön, aber die Fahrt dort hin kann man sich echt sparen. Irgendwelche besonderen Tiere haben wir übrigens nicht gesehen.

Leuchtturm Svörtuloft
Leuchtturm Svörtuloft

Etwas weiter die Hauptstraße entlang kommt man zu einer Abzweigung, über die man zum schwarzen Strand Djúpalónssandur gelangt. Vom Parkplatz aus führt ein kurzer Weg durch eine Schlucht mit hohem Lavagestein hinunter zum Strand, vorbei an den im Sand verteilten Überresten eines Schiffwracks aus dem Jahre 1948 und vier Kraftprobensteinen mit einem Gewicht von 23 bis 154 kg. An diesen Steinen mussten Fischer früher ihre Stärke beweisen, wenn sie sich für eines der Fischerboote beworben haben. Heute dienen sie dem Vergnügen der Besucher.

Djúpalónssandur
Djúpalónssandur

Später am Nachmittag machten wir noch einen Abstecher zu einer engen Schlucht in einem der Berge. Man erzählte uns, dass man dem Bächlein, das aus der Bergöffnung herausgeflossen kommt, bis tief in die Schlucht folgen und dort am Ende einen Wasserfall finden kann. Das Problem dabei ist nur, dass man zum Einen schon nur durch den Bach in die Schlucht hineinkommt und man zum Anderen auch drinnen weiter durch den Bach stapfen muss, der allerdings in Kaskaden fließt, die man über rutschige Steine hochklettern muss. Man sollte hier also auf jeden Fall wasserfeste Kleidung tragen und bestenfalls eine Stirnlampe dabei haben. Wir wollten nicht bis zum Ende gehen, sind aber zumindest in die Schlucht hineingegangen. Fab hat sich daran versucht, noch etwas weiter zu laufen, ist dann aber an der ersten Kaskade wieder umgekehrt.

Raudfeldar Canyon
Raudfeldar Canyon

Danach wollte auch ich weiter in die Schlucht hinein und habe mich auf den Weg zur ersten Kaskade gemacht. Dabei bin ich stets über die Steine im Bach balanciert, um trocken zu bleiben. Als ich dann nach unten blickte, um nach guten Steinen zu schauen, zog ein am Rande liegender, weißer Stein im Wasser meinen Blick auf sich. Ich wollte gerade meinen Fuß darauf setzen, da bemerkte ich plötzlich, dass dieser „Stein“ einen Schädel hatte und in Wirklichkeit ein Skelett von einem Tier war, das wie ein kleiner Hund aussah und wahrscheinlich ein Polarfuchs war. Die Haare in meinem Nacken sträubten sich und ich drehte schnell wieder um. Wir verließen die Schlucht und nahmen unser letztes Ziel im Nationalpark in Angriff: die schwarze Kirche in Búðir.

Schwarze Kirche in Búðir
Schwarze Kirche in Búðir

Die Kirche in Búðir gehört wahrscheinlich zu den am meisten fotografierten Kirchen in Island. Aber warum auch nicht – welche schwarze Kirche hat schon auf der einen Seite die Küste und auf der anderen Seite einen Vulkan im Hintergrund? Und dann hatten wir auch noch so tolles Wetter, dass die untergehende Sonne den Snæfellsjökull und die umliegenden Bergspitzen feuerrot aufleuchten ließ. Selbst auf dem Weg zurück zum Hotel konnten wir die ganze Zeit noch den wunderschönen Sonnenuntergang hinter dem Vulkan beobachten.

In unserer letzten Nacht in Island wollten wir die Nordlichter natürlich noch ein letztes Mal so richtig genießen. Dafür suchten wir uns dieses Mal einen ganz besonderen Ort heraus, an dem wir ganz sicher allein sein würden. In der Nacht stiegen wir auf einen Vulkan in der Nähe unseres Hotels. Das gestaltete sich sogar überraschend einfach, denn was wir vorher überhaupt nicht wussten war, dass es hier tatsächlich stellenweise Treppen gab. Und noch viel besser, oben gab es auch noch Bänke. Perfekt, um sich einfach auf den Rücken zu legen und in den Himmel zu starren, um das wohl schönste Naturschauspiel zu beobachten, das wir bisher gesehen haben.

Nordlichter über dem Krater Grábrók
Nordlichter über dem Krater Grábrók

Tag 18. Da unser Flug erst um 1.00 Uhr nachts ging und wir den Renault bis 22.00 Uhr gemietet hatten, hatten wir noch den ganzen letzten Tag Zeit, um gemütlich nach Reykjavik zu fahren, dort Kaffee zu trinken, Essen zu gehen und etwas durch die Straßen zu schlendern. Wir investierten unsere letzten isländischen Kronen in Mitbringsel (was bei uns meist Kaffeebohnen und Süßigkeiten sind) und ließen die vergangenen Tage noch einmal Revue passieren. Völlig erschöpft stiegen wir am Abend in das Flugzeug, traurig und glücklich zugleich. Und während um uns herum alle anderen sofort einschliefen, zeigte sich uns die Aurora Borealis noch einmal zum Abschied.

Tini

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