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Etappe 10: Thorung Phedi – Thorung La – Muktinath (3.760 m), 9.30 h

4 Uhr. Der Wecker klingelte. Draußen war es stockfinster, aber für uns war es an der Zeit aufzustehen. Heute war der große Tag. Der Tag, an dem wir auf 5.416 m steigen und den Thorung La Pass überqueren würden. Wir packten unsere Rucksäcke und gingen zum Frühstück, das wir für 4.30 Uhr vorbestellt hatten. Das ganze Base Camp war schon auf den Beinen, denn alle hier hatten einen langen, verdammt harten Tag vor sich. Wir schaufelten in uns, so viel wir konnten. Die Energie würden wir definitiv brauchen. Zum Schluss gab es selbstverständlich noch Knoblauchsuppe.

Wir brachen kurz nach 5 Uhr auf. Mit Stirnlampen auf dem Kopf verließen wir das Base Camp und suchten nach dem Weg, was bei der Dunkelheit jedoch deutlich schwerer war als erwartet. Anfangs konnten wir den Weg überhaupt nicht finden, aber dann kamen wir auf etwas, das so aussah wie ein Pfad. Zumindest führte er uns in die richtige Richtung, nämlich nach oben. In der Finsternis konnten wir am ganzen Berg unzählige Lichter von kleinen Taschenlampen erkennen. Offensichtlich waren die meisten Trekker schon unterwegs. Es war extrem kalt, vermutlich so um die -15 °C, wenn nicht sogar noch kälter. Wir hatten fast alle Schichten von Klamotten an, die wir dabei hatten – Funktionsunterwäsche, dicke Wandersocken, Pullover, Winterjacke, Mütze, Handschuhe,… Die Bewegung hielt uns einigermaßen warm, aber Gesicht und Hände litten unter der klirrenden Kälte. Im Schneckentempo kletterten wir im Zick-Zack den Hang hinauf. Wir machten viele Pausen, versuchten viel zu trinken, aber das Wasser in unseren Flaschen war so kalt, dass es bereits zu gefrieren begann. Nach etwa einer halben Stunde begann die Dämmerung und der Himmel wurde langsam heller. Nach und nach konnten wir den Weg und unsere Umgebung erkennen. Wir hatten bereits einiges an Höhe geschafft, aber das High Camp war noch ein ganzes Stück entfernt. Der Weg vom Base Camp zum High Camp ist der mit Abstand steilste Part der Passüberquerung, da fast 400 Hm in anderthalb Stunden zu bewältigen sind. Wir marschierten auf dem steinigen Pfad langsam bergan und drehten uns immer wieder nach hinten, um die unglaubliche Aussicht in der Dämmerung auf uns wirken zu lassen.

Aufstieg zum High Camp in der Dämmerung

Am High Camp angekommen zwangen wir uns dazu, wenigstens eine unserer Wasserflaschen leer zu trinken, damit wir sie dort gleich wieder auffüllen konnten. Es schwammen mittlerweile Eisklumpen in der Flasche herum, aber viel Trinken ist auf dieser Höhe das absolute A und O. Der Höhenunterschied zwischen Base Camp und High Camp machte sich bei den Temperaturen deutlich bemerkbar. Obwohl inzwischen die Sonne aufging, war es hier oben noch viel kälter als beim Aufstieg. Wir zogen uns schnell noch dickere Pullover an, machten ein paar Fotos vom Sonnenaufgang und als ich dann meine Finger schon nicht mehr spüren konnte, wanderten wir weiter.

High Camp
Blick zurück vom High Camp

Es waren so viele Trekker unterwegs, dass wir heute wohl kaum mal alleine sein würden. Aber irgendwie hatte es auch etwas Beruhigendes, dass man auf dieser Höhe gerade nicht völlig alleine herumspaziert. Der Teil nach dem High Camp war am vollsten. Wir reihten uns in die Schlange von Wanderern ein und nahmen den nächsten Streckenabschnitt in Angriff. Wir befanden uns mitten im Hochgebirge. Überall um uns herum ragten schneebedeckte Felsriesen in die Höhe. Wir kamen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus und mussten ständig anhalten, um die enormen Felswände anzustarren.

Blick zurück zum High Camp

Etwa eine Stunde nach dem High Camp kamen wir zu einem kleinen Teehaus, das völlig allein und abgeschieden auf inzwischen über 5.000 m einfach mal so am Wegrand stand. Das Geschäft schien zu boomen, denn vor der Hütte standen unzählige Trekker, die sich die Hände an einer Tasse heißem Tee wärmten. Auch wir legten ein kleines Päuschen ein, machten uns über unsere Snacks und versuchten, reichlich von unserem Eiswasser zu trinken.

Aussicht vom Teahouse

Bis zum Pass waren es von hier aus noch etwa zwei Stunden. Aber von nun an wurde es richtig hart. Nicht wegen der Strecke an sich, denn die war noch nicht einmal wirklich steil. Sondern wegen der Höhe. Wir hatten die 5.000 m-Grenze überschritten und das bekamen wir deutlich zu spüren. Wir konnten kaum noch normal laufen. Ganz langsam setzten wir einen Fuß vor den Anderen. Und so arbeiteten wir uns im Schneckentempo den Berg hinauf. Sobald wir mal nicht auf unsere Schritte achteten und etwas schneller liefen, waren wir sofort vollkommen außer Puste und mussten anhalten, um wieder zu Atem zu kommen. Das passierte vor allem nach Pausen immer wieder, weil man automatisch in seinem normalen Tempo zu laufen beginnt. Es dauert keine zehn Schritte, dann wird man direkt dafür bestraft. Damit der Puls nicht in die Höhe schießt, sollte man es hier oben besser vermeiden aus der Puste zu geraten. Und so trotteten wir mühselig über Schotterpisten dahin. Es zog und zog sich, während das Laufen immer schwerer wurde. Ich bekam wieder Kopfschmerzen, mir wurde richtig unwohl und irgendwann kam auch noch leichter Schwindel dazu. Deutliche Symptome der Höhenkrankheit. Aber wir waren dem Pass schon so nahe, dass Umkehren keinen wirklichen Sinn machen würde. Der Aufstieg wurde zur absoluten Qual und ich hoffte einfach nur noch darauf, dass wir es bald schaffen würden. Hinter uns lief ein Pärchen, dem es offenbar recht ähnlich ging. Gerade als die Beiden noch eine Pause einlegten und wir sie abhängten, kamen wir um eine Kurve und konnten vor uns die ersten Gebetsfahnen erkennen. Wir folgten dem Weg weiter um die Kurve herum, bis vor uns ein riesiger Berg an Gebetsfahnen erschien, in deren Mitte das Schild stand, das uns für unseren Erfolg gratulierte. Uns ergriff ein absolut unglaubliches Glücksgefühl, als mit einem Mal die ganze Last von uns fiel, die wir in den letzten Tagen und Stunden mit uns herum getragen hatten. Wir hatten es geschafft. Wir standen auf 5.416 m.

Thorung La Pass, 5.416 m
Die letzten Meter zum Thorung La

Und wer hätte es gedacht: Auf dem Pass stand ein kleines Teehaus. Irgendeine arme Sau quält sich jeden Tag in aller Herrgottsfrühe hier hoch (zumindest in der Hauptsaison), nur um hunderten von Trekkern den wahrscheinlich teuersten Tee in ganz Nepal zu verkaufen. Aber ein heißer Tee war genau das, was wir hier gerade brauchten. Ich hatte meine Handschuhe keine zwei Minuten für ein paar Fotos ausgezogen und konnte meine Finger schon wieder nicht mehr spüren. Es war einfach so irre kalt, dass es mich ununterbrochen am ganzen Körper schüttelte. Und dann ging ich in das kleine Teehäuschen und sah vor mir einen Australier in kurzen Shorts…

Wir beeilten uns mit dem Tee, denn weder die Kälte noch die Kopfschmerzen machten den Aufenthalt auf dem Pass sonderlich angenehm. Wir wollten so schnell wie möglich mit dem Abstieg beginnen. Und anders als man vielleicht erwarten möge, gibt es auf dem Pass auch keine Aussicht. Man steht ja nicht auf einer Bergspitze oder einem Bergkamm oder irgendetwas Ähnlichem. Man ist immer noch umgeben von Bergen, die deutlich höher sind und die einem gerade auf dem Pass jede Sicht verbauen. Obwohl man sich so lange hier hoch arbeitet, gibt es eigentlich keinen wirklichen Grund, lange hier oben zu bleiben. Das klingt vielleicht etwas paradox, aber auch wenn die meisten Trekker den Annapurna Circuit wegen dem Thorung La Pass machen, ist der Weg zum Pass letztendlich das Schönste an diesem Trek. Für uns ist es daher auch völlig unverständlich, wieso so viele Leute mit dem Jeep bis nach Manang fahren und erst dort das Wandern anfangen.

Als wir gegen 10 Uhr mit dem Abstieg auf der anderen Seite beginnen wollten, erreichte eine kleine Gruppe von Leuten den Pass. Darunter waren auch der ältere Däne und sein 14-jähriger Sohn, die wir am zweiten Tag unserer Wanderung kennengelernt hatten. Der Sohn sah jetzt nicht mehr so gelangweilt aus und sah den Vater-Sohn-Urlaub inzwischen offenbar mit anderen Augen. Wir gratulierten ihnen zu ihrem Erfolg und machten uns auf den Weg. Wir hatten heute noch einen langen Abstieg vor uns. Knapp 1.660 Hm waren in den nächsten 3-4 Stunden zu meistern.

Nach dem Pass ging es zunächst erstmal nur leicht bergab. Wir umwanderten noch eine Kurve und kamen dann zu einem Plateau, von dem aus wir hinab auf das Kali-Gandaki-Tal schauen konnten, welches uns die nächsten Tage begleiten würde. Wir hatten eine völlig neue, bisher noch unbekannte Landschaft betreten. Das Kali-Gandaki-Tal gehört zum Distrikt Mustang, in dem auch das früher unabhängige Königreich Mustang liegt. In Mustang herrscht ziemlich trockenes Klima, da die hohen Berge den Regen von der Region fernhalten. Dadurch ist die Landschaft extrem kahl und sandig. Was wir hier vor uns sahen, glich einer Wüste im Gebirge. Dieses Bild war äußerst merkwürdig und erstaunlich zugleich. Aber was wir auch sehen konnten war der steile Hang vor unseren Füßen. Dieser Hang ist der Grund dafür, dass man den Thorung  La Pass von Ost nach West überquert und nicht umgekehrt. Er ist bergab schon die Hölle, bergauf wäre er bei der geringen Akklimatisierung überhaupt nicht machbar. Selbst mit Trekkingstöcken schmerzten die Knie schon nach kürzester Zeit. Irgendwann kamen dann noch Blasen an den Zehen hinzu, denn die Füße stießen permanent vorne an die Schuhspitzen. Die Knöchel und die Waden fingen an zu brennen, weil wir bei jedem Schritt abbremsen mussten. Wir mussten uns ununterbrochen konzentrieren, um nicht abzurutschen und so packte uns bald auch die Müdigkeit. Nach etwa anderthalb bis zwei Stunden kamen wir zu einem weiteren Plateau, auf dem einige sehr einfache Restaurants aneinander gereiht waren. Schön war es hier nicht, aber meine Beine zitterten schon und ich brauchte dringend eine Pause. Wir blieben ziemlich lange sitzen und wären am liebsten an Ort und Stelle eingeschlafen. Aber irgendwann rafften wir uns wieder auf und zwangen uns dazu, auch noch die letzte Stunde durchzuhalten. Es ging weiter steil den Berg hinunter, bis wir dann irgendwann zu einem großen Tempelkomplex kamen, der zu Muktinath gehört. Von hier aus war es also gar nicht mehr weit. Viel Zeit zum Bestaunen des Tempelkomplexes blieb uns allerdings nicht, denn auf der ganzen Passüberquerung gibt es nicht eine Toilette und meine Blase schien zu spüren, dass wir bald ankommen würden. Wir beschleunigten unsere Schritte noch etwas und liefen dann in Muktinath schnurstracks zu einer sehr beliebten Lodge, von der ich zuvor schon gehört hatte. Es war gerade einmal 14.30 Uhr, als wir endlich in der Unterkunft ankamen und trotzdem waren schon fast alle Zimmer vergeben. Als uns einer der Jungs von der Lodge (Hotel Marley) unser Zimmer zeigte, gab er uns noch den Tipp, so schnell wie möglich duschen zu gehen, denn es gab nur zwei Duschen auf wirklich viele Zimmer. Scheinbar gönnten sich alle anderen Ankömmlinge erstmal ein Bier zur Feier des Tages und so waren die Duschen noch warm. Die Gelegenheit nutzten wir natürlich schnell aus und wurden mit der schönsten, wärmsten Dusche auf dem ganzen Trek belohnt. Danach bestellten wir uns ein umfangreiches Abendessen und setzten uns noch für ein paar Minuten an eine Feuerstelle, damit meine Haare vorm Schlafen noch trocknen konnten. Zum Feiern waren wir ohnehin viel zu müde.

Etappe 9: Yak Kharka – Thorung Phedi Base Camp (4.520 m), 4.15 m

Unsere erste Nacht auf über 4.000 m Höhe verlief überraschend angenehm. Keine Probleme beim Schlafen, keine Kopfschmerzen oder sonst irgendwelche Symptome der Höhenkrankheit. Es konnte also bedenkenlos weitergehen. Heute war der letzte Tag vor der Passüberquerung. Das Ziel: Thorung Phedi Base Camp. Schlafen auf 4.520 m. Es gibt nach dem Basecamp noch genau eine weitere Unterkunft, das High Camp auf ca. 4.900 m. Viele Leute schlafen hier, weil der Weg vom Base Camp zum High Camp der steilste Part der Passüberquerung ist und man vom Base Camp verdammt früh aufbrechen muss. Das wollen viele umgehen, indem sie einfach das Base Camp überspringen und direkt zum High Camp aufsteigen. Davon wird aber dringend abgeraten. Einerseits schon allein deswegen, weil das Maximum von 500 m Aufstieg deutlich überschritten wird. Andererseits aber auch, weil das High Camp viel zu hoch gelegen ist, um dort überhaupt schlafen zu können. Das mag kein Problem sein, wenn man sich vorher lange genug akklimatisiert hat, z.B. indem man den Umweg über den Tilicho Lake gegangen ist. Die meisten Trekker auf dem Annapurna Circuit sind aber nicht gut genug akklimatisiert, um auf fast 5.000 m schlafen zu können. Wir haben gehört, dass viele Leute im High Camp die ganze Nacht kein Auge zu machen. Scheinbar bekommen dort auch extrem viele Trekker die Höhenkrankheit oder Panikattacken, sodass sie mitten in der Nacht zum Base Camp absteigen müssen. Uns erschien es daher wesentlich sinnvoller, die Nacht im Base Camp zu verbringen, auch wenn der nächste Tag dadurch extrem lang werden würde. Lieber um 4 Uhr aufstehen als überhaupt nicht zu schlafen und sich die ganze Nacht fertig zu machen.

Da wir so schnell wie möglich die blöde Lodge in Yak Kharka verlassen wollten, beeilten wir uns beim Frühstück und beim Packen dieses Mal ganz besonders. Gegen 8.30 Uhr brachen wir dann auf. Der Gartenschlauch am Wegrand war zugefroren, weswegen wir unsere Flaschen heute mal an einer der Safe Drinking Water Stations auffüllen mussten. Die Safe Drinking Water Stations sind große Kanister mit gefiltertem Wasser, die man in einigen Orten findet und wo man sich für 1-2 Euro pro Liter Trinkwasser abfüllen kann. Die Strecke von Yak Kharka zum Base Camp ist recht kurz und größtenteils auch ziemlich einfach. Die Entfernung beträgt etwa 7 km und bietet daher Gelegenheit für viele Pausen. Die braucht man auf der Höhe auch, wie wir bei unserem Ausflug zum Ice Lake ja schon erfahren mussten. Durch karge Felslandschaft, über Bergsteppen hinweg und vorbei an Yak-Herden kämpften wir uns langsam, aber stetig immer weiter nach oben. Ab und zu hielten wir an, um andere Trekker an uns vorbeiziehen zu lassen und dann in Ruhe weiterzulaufen. Man merkte schon, dass sich die Leute hier oben nicht mehr so gut verteilen wie bisher. Zum Einen gab es ja nur noch den einen Weg. Zum Anderen mussten aber auch alle in den gleichen Dörfern übernachten und morgens in etwa zur gleichen Zeit loslaufen, was bisher ja nicht unbedingt der Fall war.

Yak

Nach gut einer Stunde erreichten wir Ledar, eine weitere Ansammlung von Lodges und kleinen Teehäusern. Da uns zu diesem Zeitpunkt schon eine ganze Weile eine Wandergruppe im Nacken hing, die wir auch durch kurze Stopps nicht losgeworden sind, gönnten wir uns in einem der Teehäuser ein zweites Frühstück. Es gab leckere Pancakes – für Fab einen Apfelpancake und für mich einen Normalen –, was uns nach den weniger guten Mahlzeiten in Yak Kharka durchaus gelegen kam. Ab Ledar waren wir dann wieder relativ allein unterwegs. Wahrscheinlich waren wir mal wieder die Letzten. Hin und wieder überholten wir mal ein paar Leute, aber in der nächsten Pause zogen sie dann wieder an uns vorbei. Wir versuchten, bewusst langsam zu laufen und uns viel Zeit zu nehmen, damit sich unsere Körper an die Höhe gewöhnen konnten. Wir zwängten uns literweise Wasser rein und griffen irgendwann sogar zu einer wirklich ekelhaften Elektrolytlösung.

Yak Herde auf einer Bergsteppe

Ungefähr eine weitere Stunde hinter Ledar mussten wir einen Hang steil im Zick-Zack hinuntersteigen, um dann unten auf einem kleinen Holzsteg einen Fluss zu überqueren und auf der anderen Seite steil im Zick-Zack wieder hinaufzusteigen. In ca. 15 Minuten ging es 100 Höhenmeter nach oben, was auf fast 4.500 m Höhe nicht zu unterschätzen ist. Während wir nach der Flussüberquerung den Hang wieder hinauf kraxelten, überholte uns plötzlich eine Herde vollbepackter Esel. Ihnen schien die Höhe nichts auszumachen. Immerhin war irgendjemand so nett, am oberen Ende des Hangs ein einzelnes Teehaus aufzustellen, sodass man sich dort gemütlich von der Anstrengung erholen kann. Uns war aber nicht nach Pause zumute. Uns war nach Fertigwerden. Der Rest der Strecke bis zum Base Camp war wieder einigermaßen eben, wenngleich auch trotzdem ziemlich anspruchsvoll. Da es nämlich auf dem Streckenabschnitt immer mal wieder Erdrutsche gibt, ist der Weg an einigen Stellen nicht gut befestigt und es herrscht Steinschlaggefahr. Etwa eine halbe Stunde braucht man, um diese Landslide-Area zu durchqueren, während man ständig misstrauisch auf den Steinhang neben sich schaut und die Ohren spitzt, um sofort reagieren zu können. Fab wollte zwischendrin eine Pause machen, aber ich fühlte mich an diesem Ort so unwohl, dass ich ihn schnell weitertrieb. Leider bekam er durch das schnelle Laufen Kopfschmerzen. Aber immerhin befand sich direkt hinter der Landslide-Area schon das Thorung Phedi Base Camp.

Landslide Area auf dem Weg zum Base Camp

In Thorung Phedi gibt es schon nur noch zwei Lodges, die dafür aber entsprechend groß sind. Wir gingen zur ersten Lodge, der Größeren von beiden. Wie schon in Yak Kharka war auch hier genau noch das teurere Zimmer mit der eigenen Toilette frei. Scheinbar war von den Trekkern keiner bereit, für solchen Luxus extra Geld zu bezahlen. Sehr zu unserer Freude, denn bei -20 °C wollten wir nachts nicht erst noch durch den halben Hof rennen. Fließendes Wasser gab es hier oben keines mehr. Dafür stand im Hof ein großer Kanister, aus dem man sich Wasser ablassen konnte.

Thorung Phedi Base Camp

Als wir unser Zimmer bezogen hatten, war es gerade mal 13 Uhr. Trotzdem war der Dining Room schon recht gut besucht. Wir suchten uns noch einen freien Tisch und bestellten haufenweise Essen. Die Preise sind mit der Höhe deutlich gestiegen, was aber natürlich verständlich ist – schließlich muss das Zeug ja auch irgendwie hierher gebracht werden. Das hielt uns aber nicht davon ab, uns die Bäuche ordentlich vollzuschlagen. Und mal ehrlich: Auf über 4.500 m einen fetten Burger für 6,- EUR serviert zu bekommen, ist ja wohl immer noch ein Witz. Die Einheimischen haben übrigens ein ganz spezielles Wundermittel gegen die Höhenkrankheit. Kräftige Knoblauchsuppe. Ob’s wirklich hilft weiß der Geier, aber die Knoblauchsuppe der Nepalesen ist wirklich unfassbar lecker, also warum nicht einfach probieren. In den letzten Tagen hatte sich die Knoblauchsuppe jedenfalls schon fest in meinem Speiseplan verankert und bisher wurde ich von der Höhenkrankheit weitestgehend verschont. Zufall?

Je mehr die Zeit voran schritt, desto voller wurde auch der Gemeinschaftsraum. Es lag eine starke Anspannung in der Luft und man merkte, wie die Trekker langsam die Aufregung packte. Wir blieben noch eine Weile sitzen, schauten auf unsere Handys. Erstaunlicherweise gab es auch hier noch immer WLAN, wenn auch ziemlich Schlechtes. Das Internet wird hier über Satellit bezogen und ist daher stark vom Wetter abhängig. Sobald Wolken aufziehen, wird die Verbindung schlechter. Aber es reicht zumindest für das Nötigste. Auf diese Weise schlugen wir uns noch etwas die Zeit tot, damit wir nicht zu zeitig ins Bett gehen. Aber da wir dieses Mal mitten in der Nacht wieder aufstehen mussten, gingen wir heute schon um 16 Uhr ins Bett.

Thorung Phedi Base Camp

Etappe 8: Braga – Yak Kharka (4.020 m), 5 h

Fab und ich waren uns erst nicht sicher, ob wir heute schon weiter laufen oder lieber noch eine Nacht in Braga bleiben wollten. Es gab noch Einiges zu sehen in der Gegend, zum Beispiel eine Höhle oder ein großes Kloster kurz vor Braga, welches schon von außen total faszinierend aussah. Aber irgendwie kam langsam diese Unruhe, fast schon Nervosität auf, weil wir dem Pass bereits so nahe waren und die Aufregung langsam stieg. Fab wollte es endlich hinter sich bringen und das konnte ich gut verstehen. Beim Frühstück fassten wir deswegen den Entschluss, uns heute auf den Weg nach Yak Kharka zu machen. Das bedeutete allerdings auch, dass wir heute die richtigen Bergdörfer hinter uns lassen und in Höhen aufsteigen würden, wo außer in den vereinzelten Lodges noch nicht einmal mehr die Einheimischen leben. Heute würden wir das erste Mal auf über 4.000 m Höhe schlafen. Ab heute wurde es ernst.

Bevor wir unsere Sachen packten, huschten wir noch einmal unter die heiße Dusche und wuschen unsere Haare. Schließlich konnte man ja nicht wissen, wann wir das nächste Mal warmes – oder überhaupt fließendes – Wasser bekommen würden. Danach verabschiedeten wir uns schweren Herzens von Linda und Thomas. Thomas ging es leider gar nicht gut. In der Nacht hatte er teilweise mit Atemnot zu kämpfen und beim Frühstück brannte ihm Lunge. Keiner wusste, ob es an der Höhe lag oder er sich eine Infektion eingefangen hatte. Weiter aufsteigen kam für ihn jedenfalls erstmal nicht in Frage. Wir mussten also alleine weiter. Immerhin waren meine Kopfschmerzen über Nacht völlig abgeklungen, sodass wir bedenkenlos die nächste Etappe in Angriff nehmen konnten.

Bis nach Manang verlief der Weg ganz entspannt am Fluss entlang über die Jeep-Piste. Die Piste endete jedoch am Ortseingang von Manang endgültig. Ein weiteres Zeichen dafür, dass wir die besiedelten Gegenden auf dieser Seite des Passes nun verlassen würden. Wir liefen durch Manang, vorbei an all den Lodges, Bäckereien und kleinen Läden. In zwei der Bäckereien machten wir einen kurzen Stopp, um uns noch etwas zu stärken und Marschverpflegung einzukaufen. Im Ortszentrum mussten wir bei einem ACAP Check-Post noch einmal unsere Permits vorzeigen. Neben dem Check-Post stand eine hübsche Chörte mit Gebetsmühlen, von der aus man einen ziemlich guten Ausblick auf den Gangapurna-Gletscher hat.

Manang
Gebetsmühlen in Manang

Wir verließen den Ort durch enge Gassen und folgten dann dem Wanderweg vorbei an einigen Feldern. Da wir erst gegen 10.30 Uhr in Braga aufgebrochen waren und anschließend in Manang noch recht viel Zeit verplempert hatten, war es mal wieder viel zu spät. Das Problem ist nämlich, dass es auf diesen Höhen ab dem Mittag sehr, sehr windig wird und auch wir es mit starken Windböen zu tun bekamen, nachdem wir Manang verlassen hatten. Auch waren inzwischen wieder einige Wolken in die Bergspitzen gezogen, wodurch es mitunter richtig kalt wurde. Das Laufen wurde dadurch ziemlich ungemütlich. Dafür hatten wir unterwegs einen schönen Blick auf das Tal und auf das hinter uns liegende Manang.

Blick zurück auf das Manang-Tal

Nach etwa zwei weiteren Stunden kamen wir nach Gunsang, wo eine Lodge mit einer kleinen Dachterrasse stand. Wir fragten die Besitzerin, ob wir mal hinauf gehen dürften und glücklicherweise ließ sie uns auch. Von der Dachterrasse hatte man eine tolle Aussicht auf die Annapurna II, IV und III sowie den Gangapurna.

Ausblick von Gunsang

Das Manang-Tal hatten wir inzwischen verlassen, um weiter Richtung Norden und tiefer in die Berge zu gelangen. Es war bereits hinter einem Berghang verschwunden und kaum noch zu sehen. Von nun an gab es nur noch alpines Gelände. Trotzdem war der weitere Weg von Gunsang aus eher eben und anspruchslos. Je mehr wir Richtung Norden kamen und uns vom Manang-Tal entfernten, desto weniger war allerdings auch von den Annapurnas zu sehen, die hinter uns im Süden lagen und langsam hinter anderen Bergen verschwanden. Ab und zu blitzte mal noch eine schneebedeckte Eiswand hervor, aber so nach und nach kamen wir immer tiefer in das Gebirge und außer den Bergen direkt neben uns war kaum noch etwas anderes zu sehen. Auf einer flachen Ebene sammelten eine alte nepalesische Dame und zwei europäisch aussehende Ausländer den getrockneten Dung von Yaks ein. Den Dung benutzen die Einheimischen hier vor allem zum Befeuern ihrer Öfen. Trotzdem ist es irgendwie komisch zu sehen, wie das Zeug mit bloßen Händen eingesammelt wird.

Danach dauerte es gar nicht mehr so lange, da erreichten wir auch schon Yak Kharka. Der Ort besteht nur aus vier Lodges, mehr gibt es hier nicht. Es war so circa 15.30 Uhr und bereits ziemlich dunkel. Wir konnten schon von außen erkennen, dass die Lodges recht gut besucht waren und vermutlich nicht mehr allzu viele Trekker nach uns kommen würden. Wir suchten uns die größte Lodge heraus und ließen uns ein Zimmer zeigen. Die Unterkünfte waren hier oben deutlich einfacher und rustikaler als bisher, aber immerhin war noch eines der wenigen Zimmer mit eigener Toilette für uns übrig. Fließendes Wasser gab es hier schon nur noch in Form eines dünnen Schlauchs, der neben der Lodge am Wegrand auf der Wiese lag und aus dem es ganz leicht tröpfelte. Aber das Wasser war so irre kalt, dass man es ohnehin nur im äußersten Notfall nutzen wollte. Nach unserer Ankunft hatten wir uns nur kurz die Hände waschen wollen, aber ein paar Sekunden unter dem Wasser hatten gereicht, damit wir unsere Finger bereits nicht mehr spüren konnten.

Yak Kharka

In unserer Lodge gab es einen kleinen Gemeinschaftsraum mit einem Holzofen, der vollgepackt mit (überwiegend jungen) Wanderern war (der Raum, nicht der Ofen). Trotzdem hörte man kaum einen Mucks. Die meisten starrten auf ihre Handys (erstaunlicherweise gab es hier nämlich tatsächlich WLAN), andere lasen oder schrieben Tagebuch. Alle sahen völlig erschöpft aus und wollten einfach nur noch ihre Ruhe haben. Gefallen hat es uns in der Lodge überhaupt nicht. Die Besitzer waren absolut unfreundlich und hatten sichtbar überhaupt keinen Bock. Wenn man sie ansprach, reagierten sie entweder überhaupt nicht oder schnauzten einen nur an. Das Essen war nicht sonderlich lecker und rumorte selbst am nächsten Tag noch in unseren Mägen. Wir gingen deswegen mal wieder direkt nach dem Essen ins Bett und gönnten uns einen langen Schlaf.

Akklimatisierung am Ice Lake (4.635 m), 8.15 h

Nach dem irre anstrengenden Aufstieg von Pisang nach Ghyaru vor zwei Tagen wollten wir eigentlich gar nicht wissen, wie sich der angeblich anstrengendste Teil des ganzen Annapurna Circuits anfühlt. Trotzdem wollten wir den etwa vierstündigen Aufstieg zum Ice Lake unbedingt in Angriff nehmen. Allein schon wegen der grandiosen Aussicht, die man von da oben haben soll. Vor allem aber auch, weil der Ice Lake auf über 4.600 m liegt und dieser Tagesausflug unsere Körper perfekt auf das Kommende vorbereiten würde. Dennoch: Der Höhenunterschied zwischen Braga und dem Ice Lake beträgt fast 1.170 m und das muss man bei der dünnen Luft auch erstmal in vier Stunden schaffen.

Damit wir nicht abends im Dunkeln den Berg hinuntersteigen müssen, war heute mal wieder zeitig Aufstehen angesagt. Wir trafen uns mit Linda und Thomas zum Frühstück und starteten dann gemeinsam um 8 Uhr unseren Ausflug. Zunächst durchquerten wir den eigentlichen Ort Braga. Braga besteht nämlich so gesehen aus zwei Teilen: dem alten Ortskern und den Lodges daneben an der Jeep-Piste. Braga liegt genau vor dem Berg, den wir heute hinaufklettern wollten. Hinter dem Ort ging es also direkt mit dem Aufstieg los. Wir konnten bereits weiter oben ein Plateau erkennen, welches laut Karte auf halben Weg zum See liegen sollte. Sah eigentlich gar nicht so schlimm aus, wie wir uns das vorgestellt hatten. Wir kamen gut voran und gewannen schnell an Höhe. Braga wurde unter uns immer kleiner und der Ausblick auf das Manang-Tal immer besser.

Manang-Tal mit Braga vorne und Manang hinten am Fluss; im Hintergrund ist die Grand Barriere mit der schneebedeckten Tilicho Peak (7.134 m)

Nach nur einer halben Stunde waren wir dem Plateau schon so nahe, dass wir für die Strecke bis zum See wohl kaum die kompletten vier Stunden benötigen würden. Der Weg war steil und sehr steinig. Wieder mussten wir aller paar Minuten anhalten und durchatmen. Der Sauerstoffmangel machte sich inzwischen deutlich bemerkbar und das Laufen fiel uns mit jedem Schritt schwerer. Als wir dann am Plateau ankamen, wurde der Blick auf ein zweites, weit über uns liegendes Plateau frei. Erschreckend wurde uns klar, dass wir längst noch nicht dort waren, wo wir eigentlich zu sein dachten. Stattdessen waren wir sogar noch so weit davon entfernt, dass ich plötzlich jeden Willen zum Laufen verloren hatte. Wirklich, von der einen Sekunde auf die Andere ist mir die Lust sowas von vergangen, dass ich am liebsten einfach umgedreht wäre. Aber natürlich quälte ich mich weiter den Berg hinauf bis zum nächsten Plateau auf ca. 4.000 m Höhe. Halbzeit. Auf dem Plateau stand ein keines Steinhaus, das offenbar noch recht neu war. Weder unser Wanderführer, noch die Karten von Linda und Thomas schienen dieses kleine Häuschen zu kennen. Mit einer Steinmauer war eine kleine Terrasse abgegrenzt, auf der ein einzelner Tisch stand. Diesen verließen gerade ein paar Wanderer, sodass wir ihren Platz einnehmen konnten. Wir bestellten uns eine Kanne Tee und gönnten uns eine wohlverdiente Pause. Überall auf dem Plateau wehten bunte Gebetsfahnen in der Sonne. Der Himmel war strahlend blau und die Aussicht von hier oben ohne jeden Zweifel die mit Abstand Beste auf diesem ganzen Trip. Wir konnten von hier aus nicht nur die Annapurna II (7.937 m) sehen, sondern auch die Annapurna IV (7.525 m), den Gangapurna (7.455 m), den Glacier Dome (7.202 m) und die Grande Barriere mit der Tilicho Peak (7.134 m). Sogar die Landslide Area auf dem Weg zum Tilicho Lake war von hier aus deutlich zu erkennenn. Wir konnten gar nicht aufhören, auf die massiven Bergriesen zu starren und unzählige Fotos zu machen. Es war einfach traumhaft schön.

Teehaus auf ca. 4.000 m

Trotzdem mussten wir schon bald weiter. Der Aufstieg war so anstrengend, dass er uns nicht nur den Atem raubte, sondern auch die Nerven stark strapazierte. Immer wieder glaubten wir, es fast geschafft zu haben. Immer wieder konnten wir in der Ferne ein Plateau erkennen, von dem wir hofften, dass es das Ende unseres Aufstiegs bedeutet. Und immer wieder wurden wir enttäuscht. Jedes Mal, wenn wir endlich eines der Plateaus erreichten, wurde ein weiterer Hang mit einem weiteren Plateau sichtbar. Und so quälten wir uns weitere zwei Stunden den Berg hinauf. Bis wir dann endlich auf eine große Ebene kamen, auf der ein Weg nahezu ausschließlich geradeaus bis zum Ice Lake führte. Vor dem Ice Lake stand eine kleine Stupa, an der ein ausgetrampelter Pfad vorbeiging. Dieser Pfad brachte uns an das gegenüberliegende Ufer des Sees, von wo aus man einen hervorragenden Blick auf den See und die Bergkette im Hintergrund hat. Es stimmt durchaus, was wir über diesen Ort gelesen haben: Der See selbst ist nichts Besonderes, aber die Aussicht auf dem Weg hierher ist einfach so unfassbar überwältigend, dass sie einem teilweise schon Gänsehaut über den Körper treibt. Vor allem weil man immer das Wissen im Kopf hat, wie unglaublich groß diese Berge sind, vor denen man da gerade steht.

Ice Lake (4.635 m)

Lange wollten wir hier oben eigentlich auch gar nicht bleiben. Es war bereits ca. 12.30 Uhr und für den Abstieg planten wir etwa 3 Stunden ein. Da wir uns vorgenommen hatten, gegen 16 Uhr wieder in unserer Lodge zu sein, blieb uns ohnehin nicht allzu viel Zeit. Hinzu kam aber auch, dass ich mittlerweile ziemlich starke Kopfschmerzen bekommen hatte und schon allein deswegen so schnell wie möglich wieder in niedrigere Gefilde absteigen wollte. Wir setzten uns in die Wiese, naschten unsere mitgebrachten Snacks und machten ein paar Fotos von diesem herrlichen Panorama. Dabei verging die Zeit viel schneller als gedacht. Irgendwie waren wir dann letztlich doch weit mehr als eine Stunde hier oben am Ice Lake, bevor wir dann endlich wieder aufbrachen. Inzwischen war zu meinen Kopfschmerzen auch noch Übelkeit hinzu gekommen und ich wollte keine Minute länger auf dieser Höhe bleiben. Wir marschierten zügig wieder über die Ebene zurück zum Hang, an dem wir uns dann den steilen Weg hinunter arbeiteten. Zwischendurch machten wir nochmal eine kurze Pause, weil Fab unbedingt von einem ganz bestimmten Punkt das Panorama fotografieren wollte. Und dann liefen wir ohne weitere Pause so schnell wir konnten zurück nach Braga. Tatsächlich kamen wir sogar kurz nach 16 Uhr wieder in unserer Lodge an, wo wir direkt unser Essen bestellten. Meine Kopfschmerzen waren noch immer so stark wie zuvor und ich war so hundemüde, dass ich sofort hätte einschlafen können. Obwohl mein Magen total knurrte, war ich viel zu fertig, um meinen ganzen Gemüseburger aufzuessen. Ich überließ ihn Fab, schnappte meine Sachen und ging in Bett, wo ich direkt einschlief.

Etappe 7: Ngawal – Braga (3.470 m), 3.30 h

Wir waren die Letzten, die am Morgen die Lodge verließen. Und das, obwohl wir schon um 9 Uhr aufgebrochen sind. Im Vergleich zu den letzten Tagen war das eigentlich recht früh, zumal wir heute den entspanntesten Streckenabschnitt auf dem ganzen Trek vor uns hatten. Denn auch unser heutiger Tag war der Akklimatisierung gewidmet, weswegen wir zur Abwechslung mal abstiegen, statt noch mehr an Höhe zu gewinnen.

Wir kamen dem Pass immer näher. Nur noch etwa 9 km von Ngawal entfernt lag schon Manang, das letzte richtige Dorf auf dieser Seite des Passes. Die meisten Trekker legen in Manang einen Akklimatisierungstag ein, da dieses Dorf recht viel zu bieten hat. Es gibt nette Unterkünfte, leckere Bäckereien, Shops für Souvenirs und Trekking-Ausrüstung sowie einige schöne Möglichkeiten für Side-Trips. Zum Beispiel kann man von Manang aus einen dreitägigen Ausflug zum traumhaften Tilicho Lake machen, der als höchstgelegener See der Erde gilt, obwohl er es scheinbar gar nicht ist. Er liegt auf 4.919 m Höhe und ist deswegen für die Akklimatisierung bestens geeignet. Was den Tilicho Lake aber so besonders macht, ist die sogenannte Grande Barriere am südwestlichen Seeufer – eine steile, fast schon angsteinflößende Eiswand mit der Tilicho Peak auf 7.134 m Höhe. Das Problem dabei: Der Weg zum Tilicho Lake hat es echt in sich. Er führt teilweise auf einem sehr engen Pfad durch eine äußerst steile Landslide-Area mit hoher Steinschlaggefahr und tiefem Abgrund neben den Füßen. Für uns war das jedenfalls nichts, so gerne wir den See auch gesehen hätten.

Weniger schwindelfreie Menschen wie ich können stattdessen einen Tagesausflug zum Ice Lake auf 4.635 m Höhe machen. Man liest immer wieder, dass zwar der Ice Lake selbst nicht sonderlich schön ist, aber dafür die Aussicht die Beste auf dem ganzen Circuit. Allerdings liest man auch, dass der Weg dort hin der anstrengendste Part auf dem Trek sei. Das wollten wir am nächsten Tag herausfinden.

Ausgangspunkt für den Ausflug zum Ice Lake ist das kleine Dorf Braga ca. 30 Minuten vor Manang. Um also nicht noch einmal von Manang zurücklaufen zu müssen, wollten wir uns einfach gleich eine Lodge in Braga suchen. Von Ngawal aus führen drei Wege nach Braga. Der kürzeste Weg führt zunächst direkt hinunter ins Tal und dort dann weiter über eine sandige Straße und dauert ca. 2 Stunden. Von dieser Strecke hat uns aber die Dame in unserer Lodge abgeraten, weil sie einfach viel zu staubig ist. Ein zweiter Weg nimmt eine zusätzliche Stunde in Anspruch und verläuft durch das alte Dorf Julu, bis er dann irgendwann in die staubige Straße mündet. Und ein dritter Weg verläuft die ganze Zeit oben am Berghang, bietet einen tollen Ausblick und dauert über vier Stunden. Wir wählten die mittlere Variante, weil wir zeitig in Braga ankommen wollten. Wir mussten dringend Wäsche waschen und unsere Haare konnten auch mal wieder etwas Seife vertragen. Die letzten Tage war das nicht möglich gewesen, weil wir immer erst so spät angekommen waren, dass die Sonne schon verschwunden war. Jetzt aber hatten wir die Chance, die warme Mittagssonne zu nutzen, um Wäsche und Haare trocknen zu lassen. Und höchstwahrscheinlich war Braga vorerst auch der letzte Ort mit einer warmen Dusche. Linda und Thomas entschieden sich für die längere Route mit der tollen Aussicht. Wir einigten uns daher schon beim Frühstück auf eine bestimmte Unterkunft (von der ein Plakat neben unserem Tisch hing) sowie darauf, dass Fab und ich gleich zwei Zimmer besorgen. Und so würden wir uns dann am Nachmittag direkt wiederfinden.

Wir starteten die Tour zunächst gemeinsam, da unser Weg bis Julu der Gleiche war. Wir liefen Richtung Norden, noch etwas den Berg hinauf und von dort an weiter nach Westen. Die Aussicht war einfach absolut unglaublich. Wir waren inzwischen auf einer Höhe, auf der man sich den Bergriesen schon richtig nahe fühlte. Die Berge um uns herum waren allesamt so groß, dass wir schon zu tun hatten, sie überhaupt irgendwie auf ein Foto zu bekommen. Mein großes, geliebtes Teleobjektiv hätte ich da getrost zu Hause lassen können. Irgendwann kamen wir zu einem Kloster mit einer großen Chörte im Vordergrund und von da an ging es schließlich steil bergab durch einen ziemlich kargen, sandigen Wald. Dann erreichten wir das alte, verlassene Dorf Julu.

Chörte auf dem Weg nach Julu
Julu

Wir trennten uns von Linda und Thomas, die von hier an wieder steil bergauf mussten. Nach dem gestrigen Tag waren wir aber heilfroh, dass uns heute kein Aufstieg mehr bevorstand. Stattdessen durchquerten wir das kleine Dorf mit seinen teils schon zerfallenen Steinhäusern und stiegen weiter bergab. Der Weg war auch hier ziemlich sandig, warum auch immer.

Auf dem Weg nach Braga

Wir folgten ihm bis zur Straße und dieser dann bis zum nächsten Dorf. Dort angekommen suchten wir verzweifelt nach der Unterkunft, auf die wir uns mit den Anderen geeinigt hatten. Aber wir konnten sie nicht finden. Wir liefen das ganze Dorf zwei Mal ab, aber keine der Lodges trug den Namen New Yak Hotel. Wir holten unseren Wanderführer heraus und lasen uns die Beschreibung noch einmal ganz genau durch. „New Yak Hotel (Dorfbeginn links)“ stand da. Aber genau dort waren wir und das Hotel war weit und breit nicht zu finden. Wir fingen langsam an, ernsthaft an uns zu zweifeln. Wir studierten die Karte nochmal ganz genau und merkten dann, dass irgendwie überhaupt nichts zu passen schien. Da wurde uns dann klar, dass wir noch gar nicht in Braga waren, sondern in einem kleinen Dorf davor. Da konnten wir natürlich echt lange suchen…

Als wir dann 20 Minuten später wirklich in Braga ankamen, war das große New Yak Hotel auch direkt das Erste, was uns in den Blick fiel. Verglichen mit den anderen Steinhäusern auf dieser Höhe sah das Hotel tatsächlich fast wie ein richtiges Hotel aus. Es war groß und stilvoll, sah aber ziemlich verlassen aus. Eine Treppe führte hoch zum Dining Room, daneben stand eine kleine Bäckerei. Wir gingen die Treppe hoch und fanden dort einen Einheimischen, den wir nach Zimmern fragten. Er holte eine Dame, die uns zwei Zimmer und die Dusche zeigte. Wir waren sofort verliebt. Nach den letzten Tagen sah das hier nach echtem Luxus aus. Wir hatten ein Bad auf dem Zimmer, mit einem richtigen Klo zum Hinsetzen – und das war sogar sauber! Die Zimmer kosteten hier zwar etwas, aber die 2,- Euro war es uns definitiv wert. Wir stellten unsere Rucksäcke ab und nutzten die Zeit, in der wir hier noch alleine in der Unterkunft waren. Die Dusche war direkt neben unserem Zimmer und da außer uns noch keine Gäste da waren, gab es auch noch heißes Wasser. Allerdings kam aus dem Duschkopf nur dann Wasser raus, wenn man ihn gerade nach unten hielt und selbst dann war es so wenig und schwach, dass es kaum zum Waschen reichte. Außerdem wurde das Wasser durch Gas erhitzt und war teilweise kochend heiß. Eine Anzeige auf dem Erhitzer zeigte ständig zwischen 50 und 60 °C an. Ein wirkliches Vergnügen war die Dusche also nicht. In Nepal ist es aber so, dass der Duschschlauch an einen Wasserhahn angeschlossen ist, der etwa auf Bauchhöhe aus der Wand kommt. Man kann dann wie bei uns in der Badewanne zwischen Wasserhahn und Dusche hin- und herschalten. Da aus dem Wasserhahn ein normaler, kräftiger Wasserstrahl kam, hab ich dann irgendwann auf Wasserhahn geswitcht und mich einfach unter den Hahn auf den Boden gehockt. Das ging erstaunlich gut, war aber eine recht interessante Angelegenheit. Nach diesem Duschabenteuer machte ich mich über unsere Wäsche und dann brauchten wir erstmal etwas zu Essen. Ich gönnte mir einen riesigen Gemüsebürger und Fab sich ein Yak-Cheese-Sandwich. Sollte irgendwer diesen Trek machen wollen: Unbedingt im New Yak Hotel in Braga essen! Das Essen ist der Wahnsinn!

Kurz darauf erreichten uns auch Linda und Thomas, die von ihrem Umweg absolut begeistert waren und immer wieder meinten, dass wir die allerschönste Aussicht verpasst hätten. Wir suchten uns ein Plätzchen neben dem Holzofen im Dining Room heraus, legten unsere nasse Wäsche ans Feuer und bestellten noch mehr von dem leckeren Essen. Hier fühlten wir uns richtig wohl.

Etappe 6: Lower Pisang – Ngawal (3.680 m), 7 h

Am Morgen wachte ich auf und fühlte mich fast wie neu geboren. Trotz des anstrengenden Tages gestern ging es mir blendend und ich war voller Tatendrang. Offenbar bekam mir die viele Bewegung in der frischen Bergluft ziemlich gut. Es stand daher außer Frage, dass wir auch heute weiterwandern würden. Da die Etappen nun aber wegen der Höhe immer kürzer wurden, konnten wir uns ganz gemütlich Zeit lassen und entspannt in den Tag starten.

Wir befanden uns inzwischen auf 3.200 m Höhe und damit im Gefahrenbereich für die Akute Höhenkrankheit. Ab jetzt mussten wir ganz besonders auf unsere Körper hören und ihnen ausreichend Zeit geben, sich langsam an die Höhe anzupassen. Deswegen auch die kürzeren Etappen. Denn ab einer Höhe von 3.000 m gilt die Regel, dass man die Nacht nicht mehr als 500 m über der letzten Nacht verbringen sollte. Im besten Fall sollte man tagsüber mehr als 500 Höhenmeter aufsteigen und für die Nacht dann wieder so weit absteigen, dass man letztendlich maximal 500 m höher schläft als in der Nacht davor. Praktischerweise findet man die Dörfer auf dem Annapurna Circuit auch ziemlich genau in diesen Abständen. Ein weiteres Muss für die richtige Akklimatisierung ist viel trinken (mindestens 4 Liter am Tag) und langsam laufen. Und dazu sollte man sich auch wirklich zwingen, denn die Höhenkrankheit kann sehr gefährlich werden. Und sie ist keineswegs selten. Drei Rettungshelikopter pro Tag fliegen im Schnitt zum Annapurna Trek wegen Leuten, die den Abstieg nicht mehr rechtzeitig geschafft haben. Leider ist es inzwischen sehr verbreitet, dass Trekker vorsorglich Medikamente gegen die Höhenkrankheit nehmen. Das Problem dabei ist aber, dass diese Medikamente die Höhenkrankheit nicht verhindern können, sondern lediglich die Symptome lindern. Die Folge ist dann, dass man die Höhenkrankheit überhaupt nicht bemerkt. Die einzigen Mittel sind also eine gute Akklimatisierung und im Ernstfall der rechtzeitige Abstieg.

Wegen der Akklimatisierung haben wir uns für einen Umweg über das kleine Dorf Ngawal entschieden, der einen zusätzlichen Tag in Anspruch nimmt. Während der eigentliche Weg auf der Jeep-Piste bis zum letzten größeren Ort vor dem Pass verläuft, liegt Ngawal auf der sogenannten High Route. Statt also weiter wie bisher am Fluss entlangzulaufen, würden wir heute einen Berg bis auf knapp 3.800 m hinaufsteigen, dort beim Wandern die Aussicht auf das Tal genießen und morgen wieder einige Meter absteigen. Das allerdings bedeutete, dass wir uns heute von Cian verabschieden mussten, der für diesen Umweg keine Zeit hatte. Von jetzt an waren wir nur noch zu viert.

Wir starteten gegen 10 Uhr in unsere heutige, ca. 10 km lange Etappe. Obwohl wir dank unseres tollen Wanderführers bereits wussten, dass uns ein heftiger Aufstieg bevorstand, machten wir uns nichts Böses ahnend auf den Weg Richtung Norden. Eine gute dreiviertel Stunde liefen wir ganz entspannt fast ausschließlich geradeaus, vorbei an einem kleinen See und einer Reihe von Gebetsmühlen. Von hier aus konnten wir schon den Berg sehen, den es heute zu erklimmen galt. Ganz oben war ein Plateau mit einer großen Chörte zu erkennen, die zum Dorf Gyharu gehört. Wenn man es bis dort hin geschafft hat, ist das Schlimmste schon vorbei. Aber schon von hier unten sah der Weg nach oben extrem anstrengend aus. Wir überquerten noch eine Hängebrücke und dann ging es los. Auf einem steinigen, teils sandigen Pfad ging es im Zick-Zack steil bergauf. Fast 400 Höhenmeter lagen in der nächsten Stunde vor uns. Zum ersten Mal war deutlich zu spüren, dass der Sauerstoffgehalt in der Luft inzwischen drastisch abgenommen hatte. Wir waren völlig außer Atem, kamen nur schleppend voran und mussten ständig Verschnaufpausen machen. Nur Thomas schien das Alles mal wieder kaum zu interessieren. Er war kaum aufzuhalten, marschierte immer wieder voraus und meinte irgendwann sogar, er würde dann oben auf uns warten. Wir dagegen wären trotz unserer eigentlichen Fitness am liebsten auf allen Vieren gekrochen. Letztendlich dauerte der Aufstieg auch deutlich länger als unser Wanderführer dafür angesetzt hatte, aber dann kam der große Moment, an dem wir endlich die Chörte erreichten. An diesem Punkt wurde uns auch bewusst, was für eine atemberaubende Aussicht wir die ganze Zeit im Rücken hatten. Von hier oben waren die Annapurna II mit ihren 7.937 m und daneben die Annapurna IV mit ihren 7.525 m zum Greifen nahe. Man konnte die meterhohen Schneemassen sehen und schon fast die Gletscher knacken hören. In diesem Moment hatte sich die ganze Anstrengung der letzten Stunde und überhaupt der ganzen letzten Tage mit einem Mal voll ausgezahlt.

Ortseingang von Ghyaru mit Blick auf Annapurna II
Annapurna II (7.937 m)

Neben der Chörte führte ein kleines Steintor in das Bergdorf Ghyaru. Direkt am Ortseingang stand ein kleines Teahouse mit einer Terrasse, von der aus man das Panorama in vollen Zügen genießen konnte. Wir setzten uns an einen Tisch und atmeten erst einmal tief durch. Eigentlich wollten wir erst in einem anderen Teahouse essen, aber alle Anderen waren bereits mit Trekkern gefüllt und die Inhaber erklärten uns, dass wir auf unser Essen wohl mindestens zwei Stunden warten müssten. Nur das kleine Restaurant am Ortseingang war relativ leer. Eine nette, alte Dame schmiss den Laden ganz alleine. Sie schien völlig gestresst, zauberte uns aber in Lichtgeschwindigkeit ein leckeres Essen und brachte uns dann noch Samosas und Apfelkuchen vom Vormittag. Während die anderen Drei auf der Terrasse des Restaurants die Ruhe genossen, ging ich mit den Kameras zurück zur Chörte und machte ein paar Bilder. Plötzlich rief ein anderer Fotograf, ich solle mich zur Annapurna II umdrehen. Eine gigantische Lawine hatte sich gelöst und rollte den Berg hinunter, gehüllt in eine große Schneewolke.

Lawine an der Annapurna II
Lawine an der Annapurna II

Ich ging zurück zum Rest der Gruppe. Dummerweise waren die anderen Drei gerade von der Terrasse ins Esszimmer umgezogen und hatten dadurch die Lawine verpasst. Wir blieben dann noch etwas sitzen, tranken unseren Tee und beobachteten die alte Dame dabei, wie sie hastig ihre Küche aufräumte, das ganze Mittagsgeschirr in einer großen Edelstahlschüssel abwusch und anschließend zum Trocknen in die Sonne stellte. Ich weiß nicht, welche Termine sie an diesem Tag noch hatte, aber jedenfalls hatte sie es offenbar sehr eilig. So eilig, dass sie uns Zettel und Stift auf den Tisch legte und uns mit den Worten „I trust you“ unsere eigene Rechnung schreiben ließ.

Zum Glück hatten wir den harten Part des Tages tatsächlich schon hinter uns gelassen. Von Ghyaru aus war der weitere Weg einigermaßen eben und sehr angenehm zu laufen. Dabei begleitete uns die ganze Zeit eine Wahnsinns-Aussicht auf das unter uns liegende Manang-Tal mit seinem eisblauen Fluss sowie auf den hinter uns liegenden heiligen Berg und die riesige Bergwand der Annapurna-Kette auf der anderen Flussseite.

Manang-Tal

Nach ca. zwei Stunden erreichten wir dann das kleine Bergdorf Ngawal (3.680 m), in dem wir heute übernachten wollten. Die Sonne war bereits hinter den Bergen verschwunden und alles war in Schatten gehüllt. Da wurde uns klar, dass uns eine verdammt kalte Nacht bevorstand. In unserer Lodge gelang es Fab dann aber, noch eine zusätzliche Decke zu organisieren, die wir auch echt brauchten. In den Nächten waren es inzwischen mehrere Grade Minus und natürlich gab es auch hier keine Heizungen in den Zimmern. Es war inzwischen so eiskalt, dass die Wasserhähne nachts aufgedreht bleiben mussten, damit die Rohre nicht zufrieren. Es wurde dann sogar vorsorglich eimerweise Wasser für den Morgen abgefüllt, u.a. um dieses dann aufzukochen und über die teils doch gefrorenen Rohre zu kippen.

In Ngawal gibt es schon nur noch drei Lodges und die sind auch dementsprechend voll. Viele Möglichkeiten, anderen Trekkern aus dem Weg zu gehen, gibt es auf diesen Höhen nicht mehr. Zumal wegen der Kälte auch alle im Dining Room versammelt sind, in dem es immer einen kleinen Holzofen gibt. Da wird es dann mitunter schon recht laut und geschäftig, vor allem aber wartet man einfach eeewig auf sein Essen. Dazu sollte man vielleicht wissen, dass alle Speisen der Reihe nach einzeln entsprechend der Bestellungsreihenfolge gemacht werden. Wird also drei Mal Suppe bestellt, dann wird nicht etwa ein großer Topf gemacht, sondern dann werden nacheinander drei Suppen gekocht. Ich glaube, nur Dal Bhat wird in größeren Mengen gemacht, aber auch das ist wohl nicht überall so. Jedenfalls mussten wir an diesem Abend über zwei Stunden auf unser Essen warten, was absolute Folter war. Schon bei der Ankunft in der Lodge hatten unsere Mägen geknurrt und dann mussten wir die ganze Zeit zuschauen, wie Einer nach dem Anderen um uns herum sein Essen bekam. Wir versuchten, uns die Zeit mit einem Kartenspiel zu vertreiben, aber wir waren der Verzweiflung nah.

Etappe 5: Chame – Lower Pisang (3.200 m), 6.30 h

Da wir hier in Chame endlich unseren längst überfälligen Ruhetag einlegen wollten, blieb der Wecker heute mal aus. Natürlich waren wir trotzdem relativ zeitig wach, da wir auch am gestrigen Abend wieder sehr früh ins Bett gegangen waren und anschließend gute 12 Stunden geschlafen hatten. Allerdings war die Nacht nicht sonderlich angenehm gewesen, da der Rauch am Abend meinem Hals ziemlich zugesetzt hatte und ich dadurch die ganze Nacht mit Halsschmerzen und Husten zu kämpfen hatte. Ein Erholungstag war jetzt genau das, was ich brauchte. Und zum Glück wollten auch die anderen Drei heute in Chame bleiben, sodass uns ganz sicher nicht langweilig werden würde.

Wir blieben noch etwas in unseren Betten liegen und genossen die Ruhe, bevor wir gegen 8 Uhr nach nebenan in den Dining Room gingen. Dort trafen wir auch den Rest unserer kleinen Gruppe. Offenbar waren wir mal wieder so ziemlich die einzigen Gäste in dieser Lodge, was uns etwas verwunderte, da eigentlich fast alle Trekker in Chame übernachten. Für uns war das natürlich klasse, weil wir in Linda, Thomas und Cian eine großartige Wandergruppe gefunden hatten und dadurch nicht so den großen Drang verspürten, haufenweise Leute kennenzulernen. Die komplette Unterkunft für sich alleine zu haben bedeutet ja schließlich auch, dass es ruhiger ist, man eine höhere Chance auf eine warme Dusche hat und das Essen schneller fertig ist. Dann aber kam leider genau das, was kommen musste: Linda und Thomas wollten bereits heute die nächste Etappe laufen, da Linda inzwischen wieder fit war. Und Cian, der zwar stark erkältet war und immer noch starke Schmerzen in den Beinen hatte, wollte sich den Beiden anschließen. Sein Problem war, dass er viel zu wenig Zeit für den Trek eingeplant hatte und er sich einen Ruhetag einfach nicht leisten konnte. Fab und ich aber hatten mehr als genug Zeit eingeplant, nämlich für genau solche Situationen wie die Jetzige. Trotzdem hatten wir überhaupt keine Lust darauf, den ganzen Tag alleine in Chame herumzusitzen und „unser Team“ zu verlieren. Nach langem Hin und Her packten also letztendlich auch wir unsere Sachen, obwohl ich mich dabei nicht ganz wohl fühlte. Ich wusste, dass dieser Tag kein Spaß wird. Die heutige Etappe war fast 17 km lang und unterwegs gab es kaum Dörfer, in denen man zur Not eine Nacht hätte bleiben können. Außerdem war es schon nach 10 Uhr und schnell vorankommen würden wir heute mit Sicherheit nicht. Dennoch war ich überzeugt, dass ich das schaffe.

Als wir die Lodge verließen und der Straße weiter Richtung Nordwesten folgten, merkten wir, dass wir noch gar nicht richtig in Chame angekommen waren. Scheinbar handelte es sich nur um eine kleine Ansammlung von Lodges wenige Minuten vor dem eigentlichen Ort, die wir von nun an Fake-Chame nannten. Kein Wunder, dass uns die Dame von unserer Lodge gestern so tolle Angebote gemacht hat; hätten wir erst einmal weiter geschaut, wären wir definitiv nicht wieder zurück gekommen.

Auf unserem Weg nach Chame wurden wir von einem großen Hund begleitet, der freudig zwischen uns hin und her rannte und sich ein paar Streichler abholte. Am Ortseingang machte er dann aber kehrt und ging weg. Wir durchquerten den Ort, hielten am Ortsende noch kurz an einer kleinen Apotheke und besorgten mir Hustensaft und Halsbonbons. Dann verließen wir Chame durch eine weiße Chörte (eine tibetische Stupa).

Buddhistische Chörte

Der Weg folgte auch hier noch immer der Jeep-Piste, die neben dem Fluss durch dichten Nadelwald führte. Obwohl der Weg wenig anspruchsvoll war und auch der Aufstieg eigentlich kaum ein Problem darstellen sollte, mussten wir doch permanent anhalten und kurze Verschnaufpausen einlegen. Cian und ich waren einfach völlig überfordert und konnten mit dem Tempo der Anderen kaum mithalten. Erschwerend hinzu kam dabei natürlich auch, dass die Landschaft auf dem Weg durch den Wald relativ monoton war und daher keinerlei Ablenkung von der Erschöpfung bot. Stattdessen kam es mir eher so vor als würden wir überhaupt nicht vorankommen, wodurch ich gleich noch viel träger wurde. Ich war todmüde, mir lief ununterbrochen die Nase und ständig musste ich anhalten, um mir einen neuen Vorrat an Taschentüchern aus dem Rucksack zu holen. Minuten kamen mir wie Stunden vor und der Gedanke daran, was wir an diesem Tag noch vor uns hatten, sorgte nicht gerade für gute Laune. Ich war irgendwie sauer auf Fab, weil er mich am Morgen nicht davon abgehalten hatte, diese Etappe in Angriff zu nehmen, obwohl ich genau wusste, dass er die Entscheidung mir überlassen hatte. Und ich hatte das starke Bedürfnis, einen Einheimischen anzuschreien, der einige Kühe an uns vorbei trieb, die er immer wieder anbrüllte und mit einem Stock schlug, sodass einer Kuh schon Blut über das Gesicht lief. Am liebsten hätte ich mir einfach im nächsten Dorf eine Lodge gesucht und mich ins Bett gelegt. Aber es gab kein Dorf, in dem man hätte übernachten können.

Auf dem Weg nach Pisang

Und dann – nach etwa 2 Stunden – lichtete sich vor uns plötzlich der Wald. Wir kamen auf eine riesige Apfelplantage und fanden uns kurz darauf vor einem großen, neu gebauten Teahouse wieder. Wir gingen hinein und suchten uns ein Plätzchen für eine Mittagspause. Der Annapurna Circuit ist übrigens bekannt für seine super leckeren Apfel-Pies, -Crumbles und -Pancakes, die man fast überall auf dem Trek kaufen kann. Scheinbar ist nämlich das Klima im Himalaya bestens für den Anbau von Äpfeln geeignet. Ich selbst kann zwar leider keine Äpfel essen, aber alle anderen haben wirklich sehr von den Leckereien geschwärmt.

Teahouse in Bhratang

Ein ganzes Stück später zwangen wir uns dann schließlich zum Weiterlaufen. Wir alle waren ziemlich fertig und hatten eigentlich überhaupt keine Lust mehr. Trotzdem hatten wir noch Einiges vor uns und wir hatten schon wieder viel zu lange gesessen, sodass es bereits früher Nachmittag war. Wir folgten der Jeep-Piste weiter den Fluss entlang, während die Landschaft langsam karger und felsiger wurde. Wir kamen an eine Kurve, hinter der sich ein unglaublicher Ausblick auf eine gewaltige, steile Felswand auftat. Die Wand gehört zum heiligen Berg Swargadwari und sieht aus wie eine riesige Rampe. Der heilige Berg ist teilweise bis zu 5.000 m hoch, von denen aber 2.000 m einfach nur glatte Felsfläche sind. Für die einheimischen Buddhisten ist der Berg deshalb so heilig, weil er für sie als eine Rampe ins nächste Leben galt. Lange Zeit legten sie die Verstorbenen an den Fuß dieser Felswand, damit der Wind diese über die Rampe in den Himmel trägt.

Der heilige Berg

Die nächsten Minuten wanderten wir geradewegs auf den Berg zu, bis uns irgendwann eine Hängebrücke auf die andere Flussseite führte. Auf einem schmalen Waldweg stiegen wir dort immer weiter den Berg hinauf. Cian hatte inzwischen so starke Schmerzen in seinen Beinen, dass er kaum noch laufen konnte. Es war sogar so schlimm, dass Linda ihm seinen schweren Rucksack abnahm und ihm dafür ihren deutlich leichteren Rucksack gab. Wir hatten erst überlegt, das Gewicht zwischen uns allen aufzuteilen, aber Fab hatte mir bereits ein paar schwere Sachen abgenommen, um mich an diesem Tag zu entlasten. Auf dem Weg nach oben fiel mir dann das erste Mal auf, dass Thomas sich unterwegs immer wieder bückte, um Müll vom Boden aufzusammeln und in seine Taschen zu stecken. Die Idee fand ich unglaublich cool und absolut unterstützenswert, allerdings ist das mit dem Müll auf dem Trek ja leider so eine Sache. Wenn man den eingesammelten Müll abends in der Lodge in den Papierkorb wirft, kann man eigentlich davon ausgehen, dass alles wieder irgendwo im Wald landet. Deswegen haben wir unseren eigenen Müll auch nirgendwo auf dem Trek entsorgt, sondern bis zum Ende bei uns getragen.

Als wir dann nach dem recht anstrengenden Aufstieg oben wieder auf die Piste kamen, änderte sich die Umgebung langsam richtig deutlich. Wir hatten die 3.000 m-Grenze überschritten und das Manang-Tal betreten. Die Bäume waren schon fast vollständig verschwunden, stattdessen war die Landschaft nun kahl und steinig. Um uns herum ragten jetzt große, teilweise schneebedeckte Bergspitzen in den Himmel und hinter uns war noch immer die gewaltige Felswand des heiligen Berges zu sehen. Ein Gefühl von Ehrfurcht kam auf.

Manang-Tal

Wir überquerten eine gerade Steinebene und erreichten irgendwann eine Gabelung, an der wir uns für einen von zwei möglichen Wegen entscheiden mussten. Der eine führte auf direktem Wege nach Lower Pisang, in dem es viele neuere Lodges gibt. Der zweite Weg führte über Upper Pisang, dem älteren Teil von Pisang, der weiter oben am Berg liegt und noch recht ursprünglich ist. Wir entschieden uns für den linken Weg, der weiter über die Ebene und direkt nach Lower Pisang führte. Zwar soll sich ein Abstecher nach Upper Pisang sehr lohnen, jedoch wurde es langsam dunkel und schlafen wollten wir dann doch lieber in einer der „moderneren“ Lodges.

In Lower Pisang merkten wir sofort, dass sich nicht nur die Landschaft geändert hatte. Auch die Häuser waren hier ganz anders. Zum Einen gab es keine Holzhäuser mehr, weil es hier oben viel zu kalt dafür war. Die Häuser waren nun allesamt aus Stein gebaut und dadurch auch etwas besser isoliert. Zum Anderen waren die Häuser hier aber auch viel einfacher und kleiner als in den Orten zuvor. Offenbar begann ab hier das richtige, echte Bergleben.

An einigen Lodges gingen wir direkt vorbei, weil wir schon durch die Fenster sehen konnten, dass die Esszimmer recht voll waren. Zum Ende der Hauptstraße hin wurde es aber deutlich ruhiger. Wir teilten uns auf; Linda und ich schauten uns eine Lodge an, während Thomas in ein anderes Guesthouse ging. Am Ende gewann das Guesthouse von Thomas, weil er uns dort kostenlose Zimmer mit eigenem Bad aushandeln konnte. Offenbar waren wir nämlich mal wieder die einzigen Gäste und haben deswegen die guten Zimmer bekommen. Ein eigenes Bad weiß man auf diesen Höhen übrigens ganz besonders zu schätzen. Zum Duschen war es zwar viel zu kalt, weil es kein warmes Wasser gab und wir langsam in die Minusgrade kamen – aber tagsüber trinkt man so viel, dass man nachts ziemlich oft wohin muss und dann ist man echt heilfroh, wenn man nicht erst aus dem warmen Schlafsack raus, drei Schichten Klamotten anziehen und durch den halben Hof rennen muss. Und inzwischen hatten wir uns auch mit den Hockklos angefreundet, vor denen wir uns anfangs noch etwas gefürchtet hatten. Denn mal ehrlich: auf ein normales Sitzklo würde man sich dort aus hygienischen Gründen ohnehin nicht setzen wollen…

Wir legten also kurz unsere Sachen im Zimmer ab und versammelten uns dann im Dining Room zum Abendessen. Noch während wir die Speisekarte durchstöberten, fiel unser Blick in die offene Küche, in der irgendein in Scheiben gehacktes totes Tier von der Decke hing. Die Dame des Hauses erklärte uns, dass es sich dabei um Yak handelte. Yaks gibt es auf dem Annapurna Trek in unzähligen Mengen und dementsprechend auch auf den Speisekarten. Wir hatten allerdings gelesen, dass man auf Yak-Fleisch lieber verzichten sollte, weil die Tiere nur einmal im Jahr geschlachtet und anschließend monatelang gelagert werden, sodass das Fleisch nicht immer im besten Zustand ist. Geschlachtet wird jedoch im November, also genau während unserer Wanderung. Und auch das Tier, das dort in der Küche hing, wurde gerade mal zwei Tage vorher geschlachtet. Und das mussten die Jungs gleich probieren. Da die Karte aber nichts wirklich Interessantes mit Yak-Fleisch zu bieten hatte, fragten sie die Dame, ob es eventuell möglich wäre, eine Pizza mit Yak-Fleisch zu belegen. Die Dame fand das super amüsant, aber ein Stückchen später servierte sie die neu kreierten Yak-Pizzen. Auch mir stellte sie statt meiner Zwiebelpizza eine Yak-Pizza vor die Nase, aber ich bestand auf meiner Zwiebelpizza. Daraufhin gab sie die Yak-Pizza dem Opi – vermutlich ihr Vater –, der neben unserem Tisch am Holzofen saß. Seinem Gesichtsausdruck zufolge war das für ihn wie Weihnachten. Generell hatten wir sehr stark den Eindruck, dass es für die Einheimischen kaum etwas Besseres gab als wenn die Trekker etwas von ihrem Essen übrig ließen oder zu viel gekocht wurde. Denn für sie gibt es ja normalerweise jeden Tag Dal Bhat. Als dann irgendwann auch meine Zwiebelpizza gekommen war und wir uns die Bäuche vollgehauen hatten, beendeten wir den Abend noch gemütlich mit einem Kartenspiel und leckerem Pfefferminztee.

Etappe 4: Timang – Chame (2.670 m), 3.30 h

Als wir am nächsten Morgen aus unserem Zimmer hinaus in die frische Luft traten, fiel unser Blick sofort nach Osten auf den Manaslu. Der Himmel war nun wieder vollkommen wolkenfrei und so konnten wir zum allerersten Mal in unserem Leben einen der vierzehn Achttausender bewundern. Der Ausblick auf das vereiste Bergmassiv war so unglaublich schön, dass man kaum wegschauen konnte. Kein Wunder, dass viele Lodges in Timang  Dachterrassen haben. Diese Aussicht muss man ja einfach in vollen Zügen genießen.

Aussicht auf den Manaslu, 8.163 m

Leider war es uns aber draußen viel zu kalt, sodass wir uns letztendlich doch einen Tisch in der Dining Hall suchten. Wir gönnten uns ein spätes, umfangreiches Frühstück mit Pancakes, Zitronentee und jeder Menge Pfefferminzöl. Linda war inzwischen auch wieder mit am Start und sah zum Glück deutlich besser aus als gestern – auch wenn sie noch immer mit ihrem Magen zu kämpfen hatte und verzweifelt versuchte, sich mit Nudelsuppe aufzupäppeln. Auch mir ging es deutlich besser als nach dem gestrigen Tag erwartet, obwohl ich noch immer Halsschmerzen, Stimmenprobleme und leicht erhöhte Temperatur hatte. Wir hatten in dieser Nacht über 12 Stunden geschlafen und das bei frischester, reinster Bergluft (davon hat man in den Holzhütten ja auch mehr als genug) und unseren Körpern tat das offenbar sehr gut. Zumindest waren wir alle fest entschlossen, es heute bis nach Chame zu schaffen, um dort dann endlich einen Ruhetag einzulegen.

Noch während wir gemütlich frühstückten, erreichten die ersten Wandergruppen das kleine Dörfchen. Es war schon fast Mittag und nach dem Aufstieg braucht wohl scheinbar ohnehin jeder eine Pause, sodass es in unserer Lodge langsam richtig voll und ungemütlich wurde. Zeit zu gehen. Wir packten unsere Sachen, warfen noch einmal einen Blick auf den Manaslu und machten uns zu fünft auf den Weg nach Chame.

Der Weg war zum Glück keine große Herausforderung. Er führte die meiste Zeit auf der Jeep-Piste einigermaßen eben durch Kiefernwald. Immer mal wieder machten die Bäume dabei die Sicht auf den Manaslu frei, der scheinbar die komplette Ostseite dominierte. Und dann ragte plötzlich vor uns die gewaltige Spitze der Annapurna II über den Baumwipfeln auf. Was für ein Anblick! Die Annapurna II ist deutlich spitzer als der Manaslu und liegt auch viel näher an der Wanderroute, wodurch sie einfach unglaublich gigantisch wirkt. Immerhin lagen zwischen uns und der Spitze der Annapurna II ganze 5.300 m Höhenunterschied, aber nur 10 km Luftlinie! Da kann man gar nicht anders als schlagartig stehen zu bleiben und zu staunen.

Manaslu, 8.163 m

Der Anblick begleitete uns bis nach Koto, wo wir an einem Checkpoint unsere Trekking-Permits vorzeigen mussten. Neben dem Checkpoint fanden wir einen kleinen Stand, an dem ein Einheimischer frische Samosas verkaufte. Wir nutzten die Gelegenheit für eine kurze Pause, setzten uns auf eine Steinmauer am Wegrand und genossen bei ein paar Samosas die Aussicht auf die Annapurna II. Hinter uns stand eine Lodge mit einem kleinen Garten, in dem wir zwei vertraute Gesichter entdeckten: die Neuseeländerin und der Kanadier, die wir am ersten Abend auf dem Trek kennengelernt hatten. Wir wechselten ein paar Worte. Wie sich herausstellte, mussten die Beiden auch einen Gang herunterschalten, weil den Kanadier ebenfalls die Grippe erwischt hatte. Sie erzählten uns, dass in Kathmandu vor einigen Tagen eine extreme Grippewelle ausgebrochen sei, die scheinbar auch sehr viele Touristen erwischt habe. Und tatsächlich, viele der Trekker auf dem Circuit schienen krank zu sein; überall hörte man es husten und schniefen.

Annapurna II, 7.937 m
Koto

Von Koto aus waren es dann schon nur noch ca. 30 Minuten, bis wir die ersten Häuser von Chame sehen konnten. Direkt am Ortseingang kam eine ältere Dame zu uns an die Straße und bot uns ihre Lodge an. Da wir nicht gleich die erstbeste Unterkunft nehmen wollten, zögerten wir etwas. Die Dame begann daraufhin, uns mit netten Angeboten zu locken: kostenlose Zimmer, viele Decken, heiße Dusche, Ofen im Dining Room, Willkommenstee und 10 % Rabatt auf alle Speisen. Ob sie das mit dem Rabatt überhaut durfte, war uns nicht so richtig klar, denn die Preise für die Speisen sind auf dem gesamten Annapurna Trek staatlich reguliert. Aber das Angebot war zu verlockend, um sich nicht wenigstens mal die Zimmer zeigen zu lassen. Die ganze Lodge war ordentlich und sauber und die Matratzen machten einen sehr bequemen Eindruck. Also blieben wir. Die Dusche war sogar richtig heiß und ein absoluter Traum. Und auch der Dining Room war total gemütlich. Am Eingang befand sich ein Ofen, um den herum Bänke und Stühle standen. Und kaum hatten wir uns alle um den Ofen herum gesetzt, brachte man uns auch sofort unseren Willkommenstee und zündete uns ein warmes Feuerchen an. Und mal wieder saßen wir zu fünft lange da und quatschten über Gott und die Welt. Leider machte aber der Rauch meinem ohnehin schon schmerzenden Hals sehr zu schaffen, sodass ich irgendwann nur noch ununterbrochen husten musste. Das war dann der Punkt, an dem wir alle ins Bett gingen und einen weiteren Tag auf dem Annapurna Circuit beendeten.

Chame

Etappe 3: Dharapani – Timang (2.620 m), 5.30 h

Beim Frühstück in unserer kleinen Gruppe stellte sich heraus, dass es auch Linda und Cian gar nicht so gut ging. Wir entschieden uns daher alle für einen ruhigen Tag mit einem langen, gemütlichen Morgen. Wir tranken literweise Tee und jeder verliebte sich in mein wundersames Pfefferminzöl, das als Zugabe zum Tee in Sekundenschnelle die Nase frei macht und den ganzen Körper wärmt. Jeder außer Fab. Der kann das Zeug überhaupt nicht riechen und bekommt direkt Kopfschmerzen. Blöd, dass mittlerweile das ganze Esszimmer danach roch.

Nach einer Weile fühlte ich mich schon etwas fitter und meine Stimme kehrte auch langsam zurück. Grund genug, um nicht nach Tal zurückzugehen. Der nächste Ort auf unserer Route lag nur etwa eine Stunde von uns entfernt und sollte ohne große Anstrengung zu erreichen sein. Zusammen mit Cian machten wir uns daher gegen 10 Uhr auf den Weg nach Bagarchhap. Linda und Thomas ließen wir zurück, da sich Linda leider ziemlich schlecht fühlte. Cian, der inzwischen starke Schmerzen in seiner Leiste hatte, versuchten wir mit Magnesium aufzupäppeln. Außerdem erklärten wir ihm, wie man einen Rucksack richtig einstellt und trägt, denn das wusste er offensichtlich nicht. Der Hüftgurt, der bei einem Trekkingrucksack eigentlich den wichtigsten Teil bildet, baumelte bei ihm einfach lose herum. Dabei hat dieser Hüftgurt die essentielle Aufgabe, das ganze Gewicht des Rucksacks von den Schultern auf die Hüften zu verlagern. Wenn dieser Gurt nicht richtig sitzt, hat das ziemliche Schmerzen zur Folge. Und so war es auch bei Cian. Den Unterschied merkte er sofort.

Wir erreichten Bagarchhap deutlich schneller als erwartet, nämlich schon nach knapp 30 Minuten. Aber uns war schnell klar, dass wir in diesem Ort auf keinen Fall übernachten wollten. Einerseits weil er überhaupt nicht einladend war, andererseits aber auch weil wir uns fit genug fühlten, um noch etwas weiter zu laufen. Trotzdem suchten wir uns eine Lodge für eine ausgiebige Mittagspause, damit wir die Dinge nicht zu sehr überstürzen. Es dauerte gar nicht lange, da gesellten sich auch Linda und Thomas zu uns. Die beiden hatten sich letztlich ebenfalls zum Weiterlaufen entschieden, aber um Linda zu entlasten, trug Thomas zusätzlich zu seinem eigenen Rucksack noch den von Linda vorne auf der Brust.

Unsere Pause war richtig entspannt und das Essen sehr lecker. Und obwohl wir direkt neben dem Wanderweg saßen, war weit und breit kein anderer Trekker zu sehen. Dafür aber konnten wir von unserem Tisch aus das erste Mal einen Blick auf eine der Annapurnas erhaschen. Zu sehen war die Spitze der Annapurna II, die mit ihren 7.937 m Höhe gerade so die 8.000er-Grenze verfehlt hat. Aber das macht den Anblick ja nicht weniger schön.

Nach gut zwei Stunden Mittagspause ging unsere Tour dann weiter. Ich fühlte mich inzwischen wieder einigermaßen fit und war deswegen motiviert, heute noch bis nach Timang zu kommen, das laut Karte nur etwas mehr als zwei Stunden entfernt sein sollte. Ursprünglich war unser Ziel für den heutigen Tag die Stadt Chame gewesen, die mit über 1.000 Einwohnern zu den größten Städten auf dem ganzen Trek gehört. Timang liegt etwa auf halber Strecke und wurde vom Wanderführer als schöner Ort mit hervorragender Aussicht beschrieben. Von hier aus würden wir es am nächsten Tag gut nach Chame schaffen, wo wir so schnell wie möglich hin wollten, weil es dort eine Apotheke und wohl sogar einen Arzt geben sollte. Leider stellte sich der Weg nach Timang als extrem anstrengend heraus…

Zunächst fing alles ganz easy an. Wir hatten uns nach dem Essen wieder von Linda und Thomas verabschiedet, die es zwar auch bis nach Timang schaffen wollten, aber wegen Lindas schlechtem Zustand lieber ihr eigenes Tempo gehen wollten. Wir liefen also zusammen mit Cian auf der Jeep-Piste bis zum nächsten kleinen Ort. Dort passierten wir die ersten tibetischen Gebetsmühlen und konnten den zunehmenden tibetisch-buddhistischen Einfluss in den Bergdörfern deutlich spüren (Nepal ist eigentlich vom Hinduismus geprägt). Eine Gebetsmühle ist ein Blechzylinder, in dessen Innerem Papier mit dem buddhistischen Gebetsmantra „Om mani padme hum“ aufgerollt ist. Oftmals befindet sich diese Aufschrift auch außen auf dem Zylinder. Gebetsmühlen können klein, aber auch bis zu 2-3 Meter groß sein; die Großen stehen meist einzeln in einem Raum, die Kleinen findet man meistens zahlreich in einer Reihe entlang oder in der Mitte einer Straße. Man passiert die Gebetsmühlen immer auf der linken Seite und dreht sie im Vorbeigehen im Uhrzeigersinn (mit der Sonne), um die Gebete in Bewegung zu bringen und sie auf diese Weise freizusetzen.

An den Gebetsmühlen trafen wir auf einige Kinder, die gleich freudig zu uns gerannt kamen, um nach „Money!“ und „Sweets!“ zu fordern. Auf unser Ablehnen hin warfen sie uns sofort irgendwelche Worte auf Nepali an den Kopf, die vermutlich nicht sonderlich nett waren. Wir scherten uns nicht groß darum und liefen weiter. Kurz nach dem Ortsausgang folgten wir der Straße weiter um eine Kurve und kamen zu einem Wasserfall. Die Jeep-Piste führte direkt durch das Wasser, sodass wir am Wegrand auf Steinen balancierend den Wasserfall durchqueren mussten. Auf der anderen Seite setzten wir uns kurz auf einen großen Fels und genossen die idyllische Ruhe. In diesem Moment kam hinter uns ein Einheimischer mit einer Herde Ziegen einen kleinen Waldpfad heruntergeklettert. Er erzählte uns, dass dieser Pfad eine Abkürzung sei und auf direktem Wege den Berg hinauf führe, wohingegen die Straßen in Serpentinen verlaufe und dadurch deutlich länger sei. Da wir auch in unserem Wanderführer von einer Abkürzung gelesen hatten, folgten wir dem Pfad. Nur leider war der direkte Weg nach oben deutlich steiler als erwartet. In nur einer Stunde hatten wir einen Aufstieg von ca. 400 Höhenmetern zu bewältigen. Der Weg führte über Steinstufen immer weiter hinauf. Allerdings sollte man sich unter Steinstufen keine Treppe vorstellen, wie wir sie aus Deutschland gewohnt sind. Vielmehr handelt es sich dabei um naturbelassene Steinplatten, die alle unterschiedlich hoch sind und deswegen höchste Aufmerksamkeit erfordern. Für manche Stufen braucht es nur einen kleinen Schritt, andere Stufen wiederum sind fast kniehoch.

Die enorme Anstrengung laugte uns völlig aus. Vor allem Fab bekam es mit Kopfschmerzen und Schwindel zu tun. Cian hatte noch immer mit den Schmerzen in seinen Beinen zu kämpfen. Und auch ich spürte deutlich, dass mein Körper nicht ganz auf der Höhe war. Alle paar Meter hielten wir an, machten kurz Pause und tranken einen Schluck Wasser. Dann ging es wieder weiter. Allerdings gab es dabei noch ein Problem: Wir hatten inzwischen die 2.500 m Höhe erreicht, ab der man langsam anfangen muss, auf Symptome der Höhenkrankheit zu achten. Und Kopfschmerzen, Schwindel und Schlappheit stehen ganz oben auf der Liste. Sobald diese Symptome auftreten, sollte man eigentlich nicht weiter aufsteigen, sondern mindestens eine Nacht dort bleiben, wo man gerade ist. Denn Ursache für die Höhenkrankheit ist nichts weiter als Sauerstoffmangel. Je höher man steigt, desto dünner wird die Luft. An den fehlenden Sauerstoff muss sich der Körper gewöhnen und dafür braucht er Zeit. Klingen die Symptome aber nach der ersten Nacht nicht ab, sollte man sofort absteigen. Die Höhenkrankheit darf man nämlich keinesfalls auf die leichte Schulter nehmen, denn eine Unterversorgung mit Sauerstoff kann schließlich schnell im Tod enden.

Wir standen nun also vor der Frage, ob Fabs Kopfschmerzen und Schwindel erste Symptome der Höhenkrankheit waren oder ob auch ihn die Grippe erwischt hat. Zurückgehen oder Weiterlaufen? Wir entschieden uns für‘s Weiterlaufen. Die Höhenkrankheit ist unter einer Höhe von 3.000 m zwar durchaus möglich, aber doch eher selten. Die Wahrscheinlichkeit einer Erkältung oder Grippe war da deutlich höher. Und tatsächlich, die Symptome verschwanden mit der Zeit langsam. Scheinbar hatte Fab einfach nur etwas zu stark ein- und ausgeatmet, wozu man übrigens bei der immer dünner werdenden Luft schnell mal neigt.

Fotocredits: Cian

Als wir uns dann oben endlich auf der Jeep-Piste wiederfanden, war die Erleichterung ziemlich groß. Das Schlimmste war geschafft und Timang sollte nun schon sehr nah sein. Und kaum waren wir wieder auf der Straße, hörten wir plötzlich Rufe hinter uns. Linda und Thomas hatten uns eingeholt. Im Gegensatz zu uns haben sie die Abkürzung nicht genommen, sondern sind die ganze Zeit der Straße gefolgt. Thomas hatte noch immer Lindas Rucksack auf der Brust und Linda sah einfach nur elend aus. Zu fünft liefen wir weiter die Straße entlang durch dichten Wald. Bis auf Thomas, der mit seinen zwei Rucksäcken noch immer quietschfidel durch die Gegend marschierte, waren wir alle völlig am Ende und konnten kaum noch einen Fuß vor den anderen setzen. Eigentlich sollte dieser Tag ja eher ruhig werden, aber das war offensichtlich missglückt.

Eine gefühlte Ewigkeit später erreichten wir dann endlich Timang. Wir suchten uns eine hübsche Lodge mit dem Namen Oasis Guest House heraus, mit einer Dachterrasse, von der aus man bei klarer Sicht einen guten Ausblick auf den Manaslu hat, der mit seinen 8.163 Metern der achthöchste Berg der Welt ist. Wirklich klare Sicht hat man hier allerdings nur vormittags, da ab dem Mittag langsam Wolken in die Bergspitzen ziehen. Von Riesen wie dem Manaslu sieht man dann leider nicht mehr viel. Das interessierte uns in diesem Moment aber auch eher wenig, denn wir waren hundemüde und wussten ja, dass wir am nächsten Morgen den perfekten Ausblick in vollen Zügen genießen konnten. Wir ließen uns von der Inhaberin der Lodge ein paar dicke Fleecedecken geben und gönnten uns erstmal ein kleines Nickerchen. Inzwischen waren wir so hoch gekommen, dass es nachts schon ganz schön kalt wurde. Zwar gab es auf den Zimmern noch immer keine Decken, aber zumindest haben wir auf Nachfrage welche bekommen.

Am frühen Abend trafen wir uns dann mit Cian und Thomas zum Essen im Dining Room. Linda hatte es inzwischen völlig niedergestreckt, weswegen sie direkt im Bett geblieben ist. Und auch Thomas verschwand kurze Zeit später mit Suppe wieder im Zimmer. Wir blieben noch etwas sitzen, quälten uns eine riesen Portion gebratene Makkaroni rein und quatschten noch etwas mit einem älteren Italiener, der außer uns der einzige Gast in der Lodge war. Überhaupt schien der ganze Ort wie ausgestorben. Die wenigsten Leute übernachten in Timang, weil man in der Regel schon mittags hier vorbeikommt und man von hier aus auch schnell und easy nach Chame kommt. Aber uns gefiel es hier richtig gut, das Zimmer war gratis und alles war angenehm sauber. Wir hätten uns hier gut und gerne einige Tage auskurieren können, aber darüber wollten wir uns heute noch keine Gedanken machen.

Etappe 2: Jagat – Dharapani (1.900 m), 8 h

Der zweite Tag war genauso anstrengend wie der Erste. Trotzdem verlief er deutlich entspannter. Nach dem gestrigen Tag waren wir uns nämlich einig, dass wir ab sofort lieber Etappen kürzen würden, als uns ohne Pausen durch die super schönen Landschaften zu hetzen. Wir hatten genügend Zeit in Nepal eingeplant und überhaupt keinen Grund uns so sehr zu beeilen. Das sollte natürlich nicht heißen, dass wir nicht dennoch jeden Morgen zeitig aufstehen und so viel Strecke wie möglich schaffen wollten. Aber wir wollten die Wanderung auch genießen und unseren Körpern zwischendurch etwas Ruhe gönnen. Außerdem fiel uns das zeitige Aufstehen überhaupt nicht schwer. Durch die große Anstrengung tagsüber ist man nach dem Abendessen ohnehin hundemüde, sodass wir an den meisten Tagen schon zwischen 18 und 20 Uhr ins Bett gegangen sind. Dementsprechend zeitig waren wir dann natürlich auch immer schon wach. Und die Vorfreude auf das Kommende trägt dann noch sein Übriges bei.

Nachdem also wieder um 6 Uhr unser Wecker geklingelt hatte, unsere Sachen gepackt waren und wir den schlechtesten Bananen-Porridge überhaupt gegessen hatten, ging es gegen 8 Uhr weiter mit dem Wandern. Die Etappe begann zunächst auf der Jeep-Piste, aber schon bald folgten wir einer Abzweigung nach links in den Wald, wo es erst einmal ordentlich bergauf ging. Die Temperaturen waren immer noch recht hoch und der Weg durch den Wald war gesäumt von riesigen Bananenbäumen. Wir hätten genauso gut auch im Dschungel sein können. Als wir dann schweißnass oben ankamen, fanden wir uns vor einem kleinen, steinigen Fußballplatz wieder. Davor am Drahtzaun standen drei Männer, die vergeblich nach einem Wanderweg suchten. Aber es gab keinen. Wir stiegen deshalb kurzerhand durch ein Loch im Drahtzaun und überquerten den Sportplatz. Den vielen Fußspuren nach zu schließen waren hier bereits einige Wanderer entlanggekommen – so falsch konnten wir also gar nicht sein. Am Ende des Sportplatzes zeigte uns dann eine rot-weiße Markierung, dass wir tatsächlich auf dem richtigen Weg waren. Die nächsten Meter verbrachten wir damit, uns mit einem der drei Herren zu unterhalten, die wir am Sportplatz getroffen hatten. Ein Däne, der mit seinem 14-jährigen Sohn mal einen richtigen Männerurlaub machen wollte. Sein Sohn sah zwar nicht ganz so glücklich aus, aber auch er schien den Ausflug eigentlich ganz cool zu finden. Unsere Wege trennten sich kurze Zeit später in einem kleinen Dorf, als wir eine kleine Pause einlegten, um frisches Wasser zu filtern und einen kleinen Snack zu uns zu nehmen. Nach dem Dorf führte uns dann eine Hängebrücke wieder auf die andere Flussseite, wo wir entlang des Flusses immer weiter in das Tal hinein wanderten. Dabei schlängelte sich unser Weg immer weiter die Berge hinauf. An manchen Stellen trennte uns vom Fluss, der inzwischen tief unter uns lag, nur noch eine steile Felswand. Aber die Aussicht war einfach nur gigantisch.

Eine ganze Weile später fanden wir uns vor einem steilen Hang wieder, an dem im Zick-Zack unser Weg nach oben führte. Am oberen Ende konnten wir bereits eine kleine Aussichtsplattform erkennen, auf der einige Leute zu sehen waren. Der Aufstieg war hart, aber immerhin sehr kurz. Und zu unserer Freude gab es auf dem Plateau eine kleine Hütte, in der man Snacks und Getränke kaufen konnte – eine Sprite kam uns jetzt genau gelegen! Leider verriet uns ein Blick in unseren Wanderführer, dass wir uns direkt vor einem Steilanstieg befanden. Fast 100 Höhenmeter hatten wir in den nächsten 20 Minuten zu meistern. Aber die Anstrengung wurde belohnt. Und zwar mit dem wunderschönen Örtchen Tal.

Tal befindet sich direkt am Flussufer auf einer großen, weißen Sandbank und ist umgeben von hohen Bergen. Es ist nur zu verlockend, die Schuhe auszuziehen und die Füße in den eisblauen Fluss zu halten. Aber uns war klar, dass das Wasser dafür viel zu kalt sein würde. Stattdessen entschieden wir uns für eine Mittagspause in einer der vielen hübschen Lodges. Wir fanden schnell ein gemütliches Plätzchen und teilten uns einen Tisch mit ein paar Mädels aus aller Welt. Es dauerte nicht lange, da tauchte auch der Australier auf, den wir in Bhulbhule kennengelernt hatten. Sein Name ist Cian, gesprochen wie der Pfeffer. Er lebt in Brisbane und wollte nach der Abgabe seiner Masterarbeit ein paar Wochen Auszeit genießen. Der Annapurna Circuit war eine ganz spontane Idee von ihm gewesen und dementsprechend schlecht war er auch vorbereitet. Schon sein Rucksack sah furchtbar unangenehm aus; viel zu groß, viel zu schief und viel zu viel Zeug, das außendran herum baumelte. Er selbst empfand seinen Rucksack schon am zweiten Tag als eine große Qual, aber unterwegs kann man da halt leider nicht mehr viel dran ändern.

Und so saßen wir da, unterhielten uns mit den Leuten und warteten eine gefühlte Ewigkeit auf unser Dal Bhat und die Momos. Die Sonne wanderte langsam hinter einen Berg und hin und wieder zog ein frisches Windchen durch das Tal, sodass es teilweise schon recht kühl wurde. Wir hatten das subtropische Klima hinter uns gelassen. Als dann nach über einer Stunde endlich unser Essen kam, war es schon wieder viel zu spät. Die Mädels waren schon aufgebrochen und nur noch Cian saß mit uns am Tisch. Wir mampften schnell alles in uns rein, verabschiedeten uns von Cian und machten uns auf den Weg. Es war bereits 14 Uhr und wir hatten noch gute zwei Stunden vor uns. Am liebsten wären wir einfach für eine Nacht hier geblieben, aber letztendlich war es uns doch noch etwas zu früh, um die Etappe hier abzubrechen. Tal ist wirklich ein schöner Ort und lädt geradezu zum Übernachten ein. Es gibt hübsche Lodges direkt am Wasser, einen Wasserfall, zu dem man einen Ausflug machen kann und sogar ein Medical Center mit einem Arzt und einer Apotheke.

Tal

Der weitere Weg war wenig spektakulär, was vermutlich vor allem an unserer Müdigkeit und der untergehenden Sonne lag, welche die Landschaft in tristen Schatten versetzte. Wir überquerten einen kleinen Wasserfall, stiegen weiter auf und ab und kamen schließlich zu einer Hängebrücke, die uns wieder auf die andere Seite des Flusses brachte. Von dort aus ging es weiter auf der Jeep-Piste Richtung Norden. Irgendwann kamen wir wieder an eine Hängebrücke, die uns erneut auf die Ostseite des Flusses gebracht hätte, aber inzwischen waren wir so kaputt, dass wir einfach nur noch ankommen wollten. Wir ignorierten daher die Schilder und folgten einfach der Jeep-Piste bis nach Dharapani, unserem heutigen Etappenziel.

Dharapani ist kein sonderlich schöner Ort, aber es gibt zahlreiche Lodges und nur wenige Trekker. Wir machten uns auf die Suche nach einer ansprechenden Unterkunft, aber irgendwie sprang uns nichts Schönes ins Auge. Als wir den Ort einmal komplett durchquert hatten, machten wir daher wieder kehrt und gingen zurück zu einer Lodge am Ortseingang, die von unserem Wanderführer empfohlen wurde. Richtig zufrieden waren wir allerdings nicht. Dann aber sahen wir direkt neben der Lodge eine weitere Unterkunft, auf deren Treppe ein junges Pärchen saß. Das Mädel hatte ihre nassen Haare in ein Handtuch gewickelt, was mich dazu veranlasste, die beiden zu fragen, ob es dort eine warme Dusche gibt. Sie meinte, die Dusche wäre sogar richtig schön heiß und sauber und auch die Zimmer sehr schön. Und damit hatten wir unsere Entscheidung getroffen. Noch während wir uns mit dem Pärchen (Linda und Thomas aus Dänemark) unterhielten, trottete Cian an der Lodge vorbei. Natürlich haben wir ihn direkt zu uns gewunken und zu fünft gehörte uns die komplette Unterkunft.

Nachdem dann auch der Rest von uns noch der Reihe nach duschen war (die Dusche war nur bei mir noch heiß, bei Fab war sie schon nur noch lauwarm und bei Cian eiskalt), suchten wir uns einen großen Tisch im Dining Room und warteten auf unser Essen. Während wir dort saßen und uns unterhielten, wurde es immer kälter und schon nach kurzer Zeit hatte ich meinen wärmsten Pullover und meine dicke Winterjacke an. Ich stopfte meine nassen Haare unter die warme Mütze, wärmte meine Hände am Tee und trotzdem fror ich noch am ganzen Körper. Ich merkte, wie mein Körper langsam schlapp machte und sich in mir eine dicke Grippe ausbreitete. Selbst mein Wunderheilmittel – reines Pfefferminzöl – konnte mir an diesem Punkt nicht mehr helfen. Als wir dann nach einer langen Unterhaltung mit den Anderen gegen 22 Uhr ins Bett gingen, fühlte ich mich schon richtig krank. In der Nacht wachte ich immer wieder auf. Ich wechselte ständig meine Kleidung, weil mir in meinem Schlafsack erst viel zu kalt und dann viel zu warm war. Auf diesen Höhen gibt es in den Unterkünften leider keine Decken, weil man sie hier normalerweise auch nicht braucht und man ja ohnehin einen Schlafsack dabei hat. Am Morgen wachte ich mit höllischen Halsschmerzen und ohne Stimme auf. Verzweifelt überlegten wir, was wir tun sollten. In diesem hässlichen Ort bleiben wollten wir auf keinen Fall, aber auch Weiterlaufen wäre keine gute Idee. Wir überlegten daher, ob wir einen Jeep rufen sollten, der uns zurück nach Tal bringt, wo es uns ja erstens sehr gut gefallen hat, es zweitens ein Medical Center gab und es drittens auch wärmer war.